{"id":118590,"date":"2022-11-05T14:02:52","date_gmt":"2022-11-05T21:02:52","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=118590"},"modified":"2025-02-16T10:34:09","modified_gmt":"2025-02-16T18:34:09","slug":"der-sommer-1972","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=118590","title":{"rendered":"Der Sommer 1972"},"content":{"rendered":"<p><em>(Deutsche \u00fcbertragen von Heidi K\u00f6nig-Porstner)<\/em><\/p>\n<p>Das Jahr 1972 war voller historischer Ereignisse. Ich erinnere mich noch an den Terroranschlag auf das israelische Ringerteam bei den Olympischen Spielen in M\u00fcnchen. Ich fand es schwierig zu begreifen, wie Siege und Trag\u00f6dien an ein und demselben Ort geschehen konnten. Die USA feierten Mark Spitz, der sieben Goldmedaillen gewonnen hatte, und Israel weinte um elf Athleten, die ihr Leben verloren hatten.<\/p>\n<p>1972 leitete der Einbruch in den Watergate-Geb\u00e4udekomplex einen der gr\u00f6\u00dften politischen Skandale der modernen Zeit ein. F\u00fcnf Agenten des Wei\u00dfen Hauses wurden verhaftet, weil sie in die B\u00fcros des Nationalen Organisationsgremiums \u00a0der Demokratischen Partei eingebrochen hatten; dies war der Anfang des Watergate-Skandals.<\/p>\n<p>Die NASA startete im Januar 1972 offiziell ihr Space Shuttle Programm. Am 13. Juni 1972 traf Hurricane Agnes die Ostk\u00fcste und t\u00f6tete117 Menschen. \u00a0Die Welt war schockiert zu erfahren, dass 16 Personen, die einen Flugzeugabsturz \u00fcberlebt hatten, zu Kannibalen wurden, um zu \u00fcberleben. 1972 staunten wir, als HBO erstmals per Satellit sendete, \u00fcber kostenpflichtige Kabelverbindungen. So viele, viele andere berichtenswerte Ereignisse geschahen in diesem Jahr.<\/p>\n<figure id=\"attachment_102276\" aria-describedby=\"caption-attachment-102276\" style=\"width: 319px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/bus-photo.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-102276\" src=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/wp-content\/uploads\/2020\/09\/bus-photo.png\" alt=\"\" width=\"319\" height=\"252\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-102276\" class=\"wp-caption-text\">Photo courtesy California Historical Society<\/figcaption><\/figure>\n<p>Ein Ereignis, das keine weltweite Aufmerksamkeit erlangte, war, dass Jim Jones eine Flotte \u00fcberladener Autobusse auf einen Kreuzzug quer durch die Lande f\u00fchrte. Ich h\u00f6re von anderen viele Geschichten \u00fcber Zeiten, \u201cbevor es schlimm wurde\u201c im Peoples Temple. Einige von uns w\u00fcrden gern herausfinden, wann genau das war. Ich sch\u00e4tze, es hing immer davon ab, ob man die Kehrseite der Medaille zu sehen bekam oder nicht. Diese Bustour war bestimmt keine gute Zeit.<\/p>\n<p>Wir hatten monatelang davon gesprochen und eine Menge Zeit mit Vorbereitungen verbracht. Die Bustour w\u00fcrde Wochen dauern, denn das Evangelium nach Jim Jones fegte von K\u00fcste zu K\u00fcste wie ein Hurricane. Weil meine Mutter zehn Kinder mitnehmen w\u00fcrde, wurde beschlossen, \u00a0dass das \u00e4ltesten Enkelkind der Familie zuhause bleiben und sich um unsere 80j\u00e4hrige Gro\u00dftante Willie k\u00fcmmern sollte. Mama kaufte uns neue Kleider f\u00fcr die Reise, bereitete Versorgungspakete f\u00fcr uns vor und erkl\u00e4rte uns, wie wir uns zu benehmen hatten. Es klappte dann dennoch nicht wie geplant, \u00a0weil meine Nichte Curly in der Woche vor der geplanten Abreise einen schlimmen Anfall hatte und Mama zuhause bleiben musste, um sich um sie zu k\u00fcmmern.<\/p>\n<p>Das bedeutete, dass in jenem Sommer neun von uns Kindern den Bus bestiegen, ohne eine erwachsene Person aus unserem Haushalt, die ein Auge auf uns haben w\u00fcrde. Meine Schwester Darlene, meine Nichte Tiny und ich stiegen in Bus 13. Wir dachten, wir h\u00e4tten ein sorgenfreies Abenteuer vor uns, und ich freute mich auf all die Orte, die auf unserer Route lagen \u2013 u.a. Texas, Illinois, Michigan, Georgia, Philadelphia, New York und Kanada \u2013 bevor wir nach San Francisco zur\u00fcckkehren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Worauf wir nicht vorbereitet waren, war die \u00dcberbelegung des Busses. Etwa 45 Passagiere h\u00e4tte er fassen sollen, aber da auf manchen Sitzen drei statt zwei Personen sa\u00dfen und der Gang, die Ablagen \u00fcber den Sitzen und der Gep\u00e4ckraum voll mit Menschen waren, wurde das ein Abenteuer f\u00fcr sich. \u00a0Es stank aus der Toilette, die Klimaanlage funktionierte nicht richtig, und die Leute beschwerten sich.<\/p>\n<p>Einmal fuhr ich in dem Bus, in dem Jim Jones fuhr. Ich konnte den Unterschied kaum fassen. Er war nicht \u00fcberf\u00fcllt, es gab eine tats\u00e4chlich funktionierende Klimaanlage, und aus der Toilette kam kein Gestank. Ich lernte an jenem Tag eine Menge \u00fcber den Unterschied zwischen Privilegierten und Nicht-Privilegierten und fing an, die Dinge klarer zu sehen. Ich wurde \u00fcblicherweise zum Putzen der Busse eingeteilt, wenn die Leute ausstiegen. Ich kann kaum sagen, wie sehr ich das hasste. Wenn ich daran denke, habe ich den Gestank dieser Busse in der Nase. 50 Jahre ist das her, und ich rieche ihn immer noch!<\/p>\n<p>Lange vor unserem ersten Zwischenstopp in Texas w\u00fcnschte ich mir, ich w\u00e4re einfach zuhause geblieben. Wenn wir Toilettenpause machten, mussten wir endlos Schlange stehen, nur um die Toiletten zu benutzen. Jim Jones sagte, wir m\u00fcssten \u00fcberall, wo wir hin k\u00e4men, einen guten Eindruck hinterlassen. Das hie\u00df, wenn die Toiletten bei unserer Ankunft schmutzig waren, w\u00fcrden sie blitzblank sein, wenn wir abreisten. Wenn M\u00fcll auf dem Boden lag, wurde alles sauber gemacht, bevor wir gingen.<\/p>\n<p>Die Mahlzeiten, die wir unterwegs hatten, waren nichts, worauf man sich freuen konnte. Ich hatte derma\u00dfen genug von Thunfisch-Sandwiches, dass ich innerlich aufst\u00f6hnte, wenn ich sah, wie die Essens-Crew diese riesigen Thunfischdosen \u00f6ffnete. Ich bin allergisch auf Meerestiere, aber das wusste ich damals nicht. Bis heute frage ich mich, woher sie diese riesigen Thunfischdosen hatten. Nie wieder, seit ich den Peoples Temple verlassen habe, habe ich derart gro\u00dfe Dosen gesehen. Ich vermute, sie wurden aus \u00fcbersch\u00fcssigen Milit\u00e4rbest\u00e4nden oder etwas \u00c4hnlichem beschafft.<\/p>\n<p>Als wir schlie\u00dflich in Texas ankamen, erfuhren wir, dass wir auf dem Boden einer Sporthalle schlafen w\u00fcrden. Das hatte uns, als sie unser Reisegeld einsammelten, keiner gesagt. Ja, wir mussten zahlen f\u00fcr die Busfahrten, sogar, wenn wir aus San Francisco zu den Gottesdiensten in Los Angeles fuhren. Die Gratisfahrten gab es erst viel sp\u00e4ter. Das war ein Teil der Beschwerden, die ich jenen Sommer h\u00f6rte, vor allem von den \u00c4lteren. Die Leute waren aufgebracht dar\u00fcber, dass wir mit hunderten anderen gemeinsam auf dem Boden einer Schulsporthalle schlafen mussten.<\/p>\n<p>Einige Leute hatten das Gl\u00fcck, in Privatwohnungen von Sympathisanten des Peoples Temple untergebracht zu werden. Ich pers\u00f6nlich danke diesbez\u00fcglich Gott f\u00fcr Violet Jones.<\/p>\n<p>Meine Schwester Darlene, einige Freunde von mir und ich hatten die Aufgabe, am Eingang die Namen der Leute aufzuschreiben, die zu den Gottesdiensten kamen. Ich glaube, es war meine beste Freundin Toni James, die mich eines Tages \u00fcberredete, das mit ihr gemeinsam zu machen. Ich kann freundlich sein, wenn ich muss, und ich erinnere mich, wie ich l\u00e4chelnd Leute nach ihrem Namen, ihrer Adresse und Telefonnummer fragte. Ich dachte, dass ich das nur dieses eine Mal machte. Wie hatte ich mich get\u00e4uscht!.<\/p>\n<p>Am n\u00e4chsten Tag hing ich vor dem Gottesdienst gerade mit Freunden rum, als Violet \u2013 die \u00fcber die Namenschreiber die Oberaufsicht hatte \u2013 auf mich zukam und fragte, warum ich nicht an der T\u00fcr stand und Namen aufschrieb. Ich sagte, ich sei keine Namenschreiberin, ich h\u00e4tte das am Vortag blo\u00df gemacht, um Toni Gesellschaft zu leisten. Es war ein b\u00f6ses Erwachen, als ich erfuhr, dass ich dauerhaft daf\u00fcr eingezogen worden war. Offenbar waren meine Handschrift und mein falsches L\u00e4cheln genau das, was sie an der T\u00fcr haben wollten.<\/p>\n<p>Ich hatte Violet wirklich gern. Sie hielt uns eng an der Kandare, war aber immer gut zu uns und passte auf uns auf. Sie schrieb uns nie wegen nichtiger Kleinigkeiten auf. Violets Schwester Jackie Fountain und ihre Nichte Valerie Jones waren mit Darlene und mir befreundet. Jackie und ich hatten immer viel zu lachen. Die Gemeinde sang immer das Lied \u201cJesus ist ein Quell.\u201d Der Text lautete: \u201cJesus ist ein Quell, der nicht versiegt.\u201d, aber Jim Jones \u00e4nderte den Text auf \u201cVater ist ein Quell, der nicht versiegt.\u201c Jackie \u00e4nderte ihn nochmals um auf: \u201cVater ist ein Quell, ein Quell bin ich.\u201c<\/p>\n<p>Ich erw\u00e4hne Violet, Jackie und Valerie, weil sie in Texas Familie hatten und wir bei ihnen wohnten, solange wir dort waren. \u00a0Texas habe ich als hei\u00df und feucht in Erinnerung. Ich hatte das Pech, neben einem Ameisenhaufen zu stehen, und ich wurde wirklich b\u00f6se gebissen. Es hei\u00dft ja, dass alles gro\u00df ist in Texas, und das stimmt. F\u00fcr die Gr\u00f6\u00dfe der Ameisen kann ich mich pers\u00f6nlich verb\u00fcrgen. Es war Violet, die gegen meine Ameisenbisse etwas fand, das half, die Schwellung an meinem Bein zu lindern.<\/p>\n<p>Wir hatten eine tolle Zeit in Texas, nicht wegen der Bus-Karawane, sondern, weil wir eine Menge au\u00dferhalb davon unternahmen. Wir tauchten blo\u00df zu den Gottesdiensten auf und gingen nachher mit Violet. Ich war so dankbar daf\u00fcr, hei\u00df duschen, meine Haare und Kleider waschen zu k\u00f6nnen, richtiges Essen zu essen und ungest\u00f6rt auf der Toilette sitzen zu k\u00f6nnen. Die Familie behandelte uns mit echter Gastfreundschaft. Es machte uns einen Heidenspa\u00df zu h\u00f6ren, welchen Spitznamen ihre Familie f\u00fcr Violet hatte: \u201cLotta B.\u201d Ich war traurig, als die Erweckungsveranstaltungen in Texas vorbei waren und wir uns wie die Sardinen wieder auf Tour begaben, um unterwegs Thunfisch zu essen.<\/p>\n<p>Unser Empfang im S\u00fcden war, wie es eben zu erwarten war, wenn Busse vollgepackt mit Menschen verschiedener Hautfarben dort in Parks und Rastpl\u00e4tze rollten. Die Feindseligkeit war greifbar und wurde unverhohlen zum Ausdruck gebracht. Eines Tages waren wir in einem Park in Lousiana und spielten auf den Schaukeln mit einigen wei\u00dfen Kindern aus der Gegend. Ihre Mutter kam angerannt, schnappte sich einen ihrer S\u00f6hne und schrie den anderen an: \u201cBilly Bob, gehst du weg von diesen Leuten! Du wei\u00dft, dass du nicht mit denen spielen darfst!\u201d Ich sehe immer noch vor mir, wie verwirrt Billy Bob dreinsah, w\u00e4hrend sie die beiden fortscheuchte. Wir waren einfach nur spielende und lachende Kinder, bis seine Mutter kam und ihn daran erinnerte, wer er war und was wir waren.<\/p>\n<p>Der Tiefpunkt der Reise war wohl allerdings, als wir eines Abends in Mississippi auf einem bewaldeten Rastplatz Halt machten. Da baumelte ein richtiger Galgenstrick von einem Baum, zur Schau gestellt wie ein Mahnmal\u2026oder eine Warnung. Ich starrte ihn an und fragte mich, wie viele Menschen wohl darin gehangen hatten. Jemand aus unserem Bus schnitt ihn ab. Es war hei\u00df und feucht in Mississippi, aber beim Anblick dieses Stricks fr\u00f6stelte mich.<\/p>\n<p>Ich kann mich nicht an alle St\u00e4dte erinnern, in denen wir Halt machten, um unseren Zirkus aufzubauen, auch nicht an die Reihenfolge. Detroit war schmutzig und voller Glasscherben. Chicago habe ich nur verschwommen wahrgenommen, ebenso Indiana. Ich wei\u00df allerdings noch, dass die Busse zu Jim Jones\u2019 Elternhaus fuhren und es eine gef\u00fchrte Tour zu den Pl\u00e4tzen gab, an denen er aufgewachsen war.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich auch, wie wir zu \u00a0Capitol Hill in Washington, D.C. fuhren und dort bei der National Mall herumbl\u00f6delten. Ein Kongressabgeordneter kam heraus, um uns zu begr\u00fc\u00dfen. \u00a0Darlene, Tiny und ich machten Fotos. Mama hatte uns wei\u00dfe R\u00f6cke mit dazu passenden roten und wei\u00dfen Blusen gekauft. Wir fanden, dass wir h\u00fcbsch aussahen! Ich wei\u00df nicht, was aus unseren Fotos geworden ist, aber die Temple-Fotografen \u00a0wussten jene, die sie machten, hervorragend zu nutzen.<\/p>\n<p>Unvergesslich war Philadelphia. Dort wurde ich Zeugin einer Schein-Heilung. Ich sah, wie eine Frau sich einen falschen Gips anlegte, um sodann \u201cauf wundersame Weise geheilt\u201d zu sein, nachdem Jim Jones sie im Gottesdienst ber\u00fchrt hatte. Ich hatte mir immer gedacht, dass die Heilungen Schwindel waren, aber nun sah ich es mit eigenen Augen.<\/p>\n<p>Ich fragte mich, warum wir hier waren. Ich war 13 Jahre alt. Warum konnte Mama diese ganze Scharade nicht durchschauen?<\/p>\n<p>Wir \u00fcbernachteten in einer Kirche, die aussah wie eine Kathedrale aus dem 17. Jahrhundert. Statt auf dem Boden schliefen Cardell Neal, Anthony Buckley und ich in unseren Schlafs\u00e4cken auf dem Dach. Es war so hei\u00df und beengt in dieser Kirche, dass uns nicht einmal k\u00fcmmerte, ob wir vielleicht vom Dach fallen k\u00f6nnten. Es war ruhig da oben, und es wehte ein sanftes L\u00fcftchen. Wir lagen auf unseren R\u00fccken, schauten in die Sterne und lachten \u00fcber die Witze, die wir machten.<\/p>\n<p>Wir fuhren durch New York und nach Kanada an der Grenze, wo die Niagara-F\u00e4lle liegen. Ich war begeistert von den Wasserf\u00e4llen, es war atemberaubend. Wir fuhren durch Kanada, verlie\u00dfen es bei Montana und d\u00fcsten durch Idaho. Ich begann meinen Countdown \u00a0f\u00fcr die Ankunft zuhause, als wir Nevada erreichten. Ich konnte es nicht erwarten, heim zu kommen. Der Bus stank, die Schlangen vor der Toiletten waren endlos, und der Thunfisch war uns immer noch nicht ausgegangen!<\/p>\n<p>Zu dem Zeitpunkt, als wir die Grenze zur\u00fcck nach Kalifornien passierten, war mir, als bewegten wir uns im Schritttempo auf zu Hause zu, und da war ich nicht die Einzige. Ich war w\u00fctend, weil ich immer noch nicht daheim bei meiner Familie war, wo es gutes Essen gab, wo ich Spa\u00df haben konnte im st\u00e4dtischen Schwimmbad und auf Sommer-Partys und wo ich telefonieren konnte. Mehr als alles andere vermisste ich unsere Badewanne.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Es war ein Sommer vor langer Zeit. Die Mehrheit der Passagiere in dieser Buskarawane ist nicht mehr. Ich trauere um die Sommer, die sie nicht erleben durften, ich weine um ihr Lachen, das nicht mehr da ist. Ja, sie lachten in jenem Sommer. Sie lachten trotz der \u00fcbervollen Busse. Tats\u00e4chlich lachten sie \u00fcber das alles.<\/p>\n<p>Wieso waren wir so gl\u00fccklich? Wie konnten wir fr\u00f6hlich sein, wo wir doch von Chaos umgeben waren? Die letzten 42 Jahre habe ich mich gefragt, wie das m\u00f6glich war. Vielleicht war es vereinigte Hoffnung, die Hoffnung, dass, was wir gemeinsam ertrugen, die Welt besser machen w\u00fcrde. Das war nicht der Fall. Manchmal scheint es, als sei die Welt nach diesem tragischen Tag vor 42 Jahren vor die Hunde gegangen.<\/p>\n<p>Ich konnte es kaum erwarten, dass diese Tour zu Ende ging. Manchmal w\u00fcnsche ich mir, sie h\u00e4tte nie geendet. Ja, es war eng und \u00fcberf\u00fcllt, es war hei\u00df und es stank, da waren Feuerameisen, Galgenstricke, die in der Finsternis baumelten, und ja: es war eine Farce. Was l\u00e4sst mich w\u00fcnschen, dass es nie endete? Vielleicht ein paar kichernde M\u00e4dchen, die am Eingang Namen aufschrieben. Sind es wom\u00f6glich drei Kinder auf einem Dach, die dort in einer Sommernacht auf dem R\u00fccken lagen und nach den Sternen griffen? Vielleicht ist es dieser erhebende gemeinsame Moment, als wir die Gischt der herabst\u00fcrzenden Wasser der Niagaraf\u00e4lle betrachteten und sp\u00fcrten. \u00a0Ich wei\u00df nicht, was es ist, aber ich w\u00fcrde alles geben, um es wiederzubekommen. Wei\u00df Gott, ich w\u00fcrde sogar noch eines dieser ekelhaften Thunfisch-Sandwiches essen, blo\u00df, um meine Schwester wieder zu umarmen.<\/p>\n<p>Die Liebe und das Lachen, das wir teilten, die gemeinsame Hoffnung, dass die Dinge besser werden k\u00f6nnten. Mit den Jahren habe ich gelernt, dass die Zeit grausam sein kann. Die Grausamkeit verblassender Erinnerungen, der Schmerz des Vergessens kann manchmal unertr\u00e4glich sein. Also schreibe ich. Jeder Federstrich bettet sie ein in die Ewigkeit. Ich schreibe, damit sie nie vergessen werden. Ich schreibe, um mit einer Schriftrolle zu winken wie mit einem Staffelstab. Einem Staffelstab, der an L\u00e4ufer \u00fcbergeben werden soll, die erst kommen m\u00fcssen. Ich bin dankbar f\u00fcr die anderen L\u00e4ufer hier mit ihren Schriftrollen, wann immer ich eure Geschichten lese. Schriftrollen, die mit W\u00fcrdigungen gef\u00fcllt sind.<\/p>\n<p>W\u00fcrdigung. Das Wort bedeutet: gut \u00fcber jemanden zu sprechen. Also h\u00f6rt nicht auf zu schreiben, h\u00f6rt nicht auf, ihre Hoffnungen und Tr\u00e4ume zu w\u00fcrdigen, die die Zeit aus unseren Erinnerungen zu l\u00f6schen versucht.<\/p>\n<p>Ja, schreibt, auf dass wir nicht vergessen und der Welt nicht erlauben, sie mit ihren Unterstellungen noch einmal zu t\u00f6ten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>(Deutsche \u00fcbertragen von Heidi K\u00f6nig-Porstner) Das Jahr 1972 war voller historischer Ereignisse. Ich erinnere mich noch an den Terroranschlag auf das israelische Ringerteam bei den Olympischen Spielen in M\u00fcnchen. Ich fand es schwierig zu begreifen, wie Siege und Trag\u00f6dien an ein und demselben Ort geschehen konnten. Die USA feierten Mark Spitz, der sieben Goldmedaillen gewonnen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":8,"featured_media":0,"parent":92999,"menu_order":2,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-118590","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/118590","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/8"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=118590"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/118590\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":129486,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/118590\/revisions\/129486"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/92999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=118590"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}