{"id":93001,"date":"2019-10-07T10:50:54","date_gmt":"2019-10-07T17:50:54","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93001"},"modified":"2019-10-07T15:27:43","modified_gmt":"2019-10-07T22:27:43","slug":"steve-daniel","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93001","title":{"rendered":"F\u00fcr meine Familie"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie <a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=40198\"><strong>hier<\/strong><\/a>.]<\/em><\/p>\n<p>Im Alter von 24 Jahren heiratete ich Betty Leon Carter. Es war das Jahr 1973, ich war 24, fest angestellt und bereit, die Welt zu erobern. Das einzige, was ich noch brauchte, war eine eigene Familie.<\/p>\n<p>Ich war in San Francisco aufgewachsen, bei meiner Mutter Dorothy Lee Daniel, und dazwischen verbrachte ich jedes zweite Jahr bei meinem Vater, um auf seiner Farm in Texas mitzuarbeiten. Ich liebte meinen Vater, aber jedes Jahr f\u00fcrchtete ich mich davor, meine Freunde und meinen gewohnten Alltag zu verlieren. Diese Unterbrechungen lehrten mich die Bedeutung von Stabilit\u00e4t und Sicherheit im Leben eines Kindes. Und, dass es wichtig ist, sich aktiv ins Leben seines Kindes einzubringen.<\/p>\n<p>Ich kam aus einer Familie, in der man miteinander sehr eng war. Wir gingen ein und aus im Zuhause der jeweils anderen. Da wurde nicht angeklopft, nicht vorher angerufen, ob es auch erlaubt war. Wir mischten uns in das Leben der anderen ein, stritten uns, ma\u00dfregelten die Kinder der anderen. Wir waren eine Familie, und f\u00fcr uns war das damals eben, was Familien taten. Es gab keine im Voraus geplanten Treffen zum Spielen oder Einladungen zu Familienessen. Deine besten Freunde waren deine Geschwister, Cousins und Cousinen. Wer mit einem von uns ein Problem hatte, der hatte mit uns allen ein Problem. Betty lachte und plauderte mit den Damen und geh\u00f6rte sofort dazu. Dazu geh\u00f6rten auch meine Tante Verdella Duncan, ihr Mann Onkel Walter und deren Kinder Sonje Regina und Tyrone. Ich war der j\u00fcngste von vier Br\u00fcdern, und sie alle liebten meine Frau und unsere Jungs, als w\u00e4ren sie ihre eigenen.<\/p>\n<p>Betty hatte bereits zwei S\u00f6hne, in die ich sofort verliebt war. Marcus Emile Morgan war zwei Jahre alt und Maurice Chaunte Carter war gerade erst zur Welt gekommen. Im darauf folgenden Jahr wurde uns Steve Nathaniel Daniel III geschenkt. Als ich Klein-Steve zum ersten Mal in den Armen hielt, wurde\u00a0 mir klar, dass mein Herz nicht l\u00e4nger mir geh\u00f6rte.<\/p>\n<p>Ich arbeitete zu jener Zeit bei den Wasserwerken in San Francisco, und Betty blieb zuhause bei den Kindern. Alle drei Jungs erwarteten mich bereits, wenn ich nach Hause kam. Noch bevor ich durch die T\u00fcr trat, h\u00f6rte ich, wie sie mir entgegen liefen, einer lauter und schneller als der andere, um mir alles \u00fcber die Abenteuer zu erz\u00e4hlen, die der Tag f\u00fcr sie bereitgehalten hatte. Ich achtete darauf, jedem die ungeteilte Aufmerksamkeit zu schenken, die er verdiente.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Wenn ich heute zur\u00fcckblicke, habe ich das Gef\u00fchl, es m\u00fcsse einen Moment gegeben haben, an dem sich festmachen l\u00e4sst, wann der Peoples Temple ein Teil unseres Lebens wurde. Dem war aber nicht so. Wie so viele Dinge im Leben geschah es schrittweise.<\/p>\n<p>Mein \u00e4lterer Bruder Charles Wesley war mit dem Gesetz in Konflikt geraten und versuchte, wieder in die Spur zu kommen. Er hatte von einer Kirche oben in Ukiah geh\u00f6rt, in der Leute, die eine zweite oder dritte Chance brauchten, herzlich aufgenommen wurden. Er hatte nicht das Gef\u00fchl, viele Optionen zu haben, also fuhr er rauf, um sich die Sache anzusehen. Als er zur\u00fcckkam, schien er ein anderer Mensch zu sein, zur\u00fcckhaltender und gelassener, erf\u00fcllt von einer neuen, friedvollen Energie. Er war \u00fcberzeugt, etwas Lebensver\u00e4nderndes gefunden zu haben. Neugierig auf die Ursache von Charles\u2019 auff\u00e4lliger und zugleich subtiler Ver\u00e4nderung, begann meine Familie, ihm bei seinen Ausfl\u00fcgen in den Norden hinterher zu trotten. Einfach so, direkt vor meinen arglosen Augen, war meine Familie dem Peoples Temple beigetreten.<\/p>\n<p>Ich war zwar nicht, was man religi\u00f6s nennen w\u00fcrde, aber ich war ein gottesf\u00fcrchtiger Mensch. Vor allem aber war es mir wichtig, die Menschen, die ich gern hatte, zu unterst\u00fctzen. Manchmal erfolgte diese Unterst\u00fctzung aus einer leichten Distanz heraus, aber solange sie gl\u00fccklich waren, hatte ich das Gef\u00fchl, dass ich meine Pflicht erf\u00fcllte. F\u00fcr mich war klar: wenn es an der Zeit f\u00fcr einen war, einzuspringen, dann war das eben genau, was man tat. Man fragte nicht nach Erkl\u00e4rungen, Gr\u00fcnden oder etwas in der Art, und da ich der J\u00fcngste in der Familie gewesen war, wusste ich auch, dass man insbesondere \u00c4ltere nicht in Frage zu stellen hatte.<\/p>\n<p>An Samstagabenden fuhr ich meine Familie hoch nach Ukiah zu den Gottesdiensten. Einmal bat mich meine Mutter, mit hinein zu gehen und einfach neben ihr sitzen zu bleiben. Sie beharrte darauf, dass es eine freundliche Umgebung sei und es nichts gab, wor\u00fcber ich mir Sorgen machen m\u00fcsste. Zu jener Zeit dachte ich wirklich nicht, dass ich einen Grund h\u00e4tte, mir Sorgen zu machen. Schlie\u00dflich und endlich gingen sie ja in die Kirche.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend ich auf das Eingangstor des Temples zuging, war ich jedoch zugegebener Weise etwas irritiert, als ich dort Wachen stehen sah. Noch verst\u00f6render war, dass ich meinen Ausweis herzeigen musste, bevor ich eintreten durfte. Hinter uns wurden die T\u00fcren versperrt, und erst um drei Uhr fr\u00fch, nach Ende des Gottesdienstes, w\u00fcrde man sie wieder \u00f6ffnen. Ich hielt mein Versprechen an meine Mutter und blieb w\u00e4hrend der gesamten Dauer der Zeremonie bei ihr sitzen. Ich wusste wirklich nicht, was ich von der ganzen Inszenierung halten sollte. Es gab eine Menge Predigten von Jim Jones, und dann noch mehr davon. Ich erinnere mich, wie ich dachte, dass dieser Typ sehr eingebildet war und sich selber gern reden h\u00f6rte. Dann fiel mir ein, dass ich an einem Ort der Anbetung war, und ich schalt mich im Stillen daf\u00fcr, dass ich mich zum Richter \u00fcber einen anderen machte, erst recht \u00fcber einen Geistlichen. Den Rest der Nacht verbrachte ich im Bem\u00fchen, nicht auf die Uhr zu sehen und nicht an die Fahrt zu denken, die ich vor mir hatte. Es gab w\u00e4hrend dieses Ausflugs nichts bemerkenswert Auff\u00e4lliges, keine geheimen Treffen oder Codesprachen, nichts, das auch nur ann\u00e4hernd so war wie in etlichen Berichten, von denen ich \u00fcber die Jahre hinweg geh\u00f6rt habe.<\/p>\n<p>Aber das wurde unser Leben. W\u00e4hrend der Woche arbeitete ich bei den Wasserwerken; wenn ich nach Hause kam, versuchte ich, noch so viel Zeit wie m\u00f6glich mit den Jungs zu ergattern, bevor sie ins Bett mussten. Betty verbrachte eine Menge Zeit damit, die Bibel zu studieren und hatte Arbeit mit den Jungs. Ein paar Mal die Woche traf sie sich zu \u201eDiskussionen\u201c mit anderen Familienmitgliedern. Das war die Routine, in die wir gerutscht waren, und es schien, dass jeder seinen Part erf\u00fcllte. Dann, jeden Samstagabend, fuhr ich zweieinhalb Stunden lang nach Ukiah, um alle beim Peoples Temple abzusetzen, und wenn die Messen vorbei waren \u2013 um drei, manchmal vier Uhr morgens \u2013 machte ich kehrt und fuhr weitere zweieinhalb Stunden lang zur\u00fcck nach Hause. Der Temple erlaubte mir nicht, auf seinem Gel\u00e4nde zu parken, w\u00e4hrend ich wartete, also suchte ich Seitenstra\u00dfen, um dort zu parken und ein Nickerchen zu machen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich war ich begeistert, als der Peoples Temple schlie\u00dflich nach San Francisco zog, in das Kirchengeb\u00e4ude, das er gekauft hatte und das an der Geary Street im Fillmore lag; allein schon, weil das bedeutete, dass die n\u00e4chtlichen Fahrten vorbei waren. Es bedeutete jedoch auch, dass meine Familie sich nun wirklich in die Arbeit f\u00fcr die Kirche st\u00fcrzen konnte. W\u00e4hrend des folgenden Jahres unternahm meine Familie an Wochenenden Busreisen nach Los Angeles, die von der Kirche organisiert wurden, zus\u00e4tzlich zu den regul\u00e4ren Gottesdiensten. Dann fing meine Frau an, zu etwas zu gehen, das sie als ihre Security-Schicht bezeichnete. Als ich sie scherzhaft fragte, was genau sie in dieser Security-Schicht denn mache, speiste sie mich mit der Bemerkung ab, dass sie Gottes Werk tue. Ich konnte mir nicht einmal ansatzweise vorstellen, was darunter zu verstehen war, aber sie nahm ihr Engagement sehr ernst, und das respektierte ich. Ich wusste, dass Betty an alles, woran sie glaubte, aus ganzem Herzen glaubte. Die M\u00f6glichkeit, dass meine Familie Geheimnisse haben k\u00f6nnte, die sie nicht einmal mir mitteilte, kam mir nie in den Sinn. Sie erz\u00e4hlten mir nie, was sich bei diesen Gottesdiensten oder Reisen abspielte, aber ich dachte mir nicht viel dabei. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass eine Kirche diese Form von Geheimniskr\u00e4merei verlangen oder einen Grund daf\u00fcr haben konnte. Wenn ich jetzt dar\u00fcber nachdenke, f\u00e4llt mir auf, dass ich meine Frau nie die Tagesereignisse rekapitulieren h\u00f6rte, weder mir noch jemand anderem gegen\u00fcber. Dasselbe galt f\u00fcr den Rest der Familie. Es wurde einfach nie besprochen. Sie trugen gegen\u00fcber der Kirche eine starke Loyalit\u00e4t und ein unverbr\u00fcchliches Engagement zur Schau. Sie hatten sich ver\u00e4ndert \u00ad\u2013 das konnte ich sehen \u2013 aber es war keine Ver\u00e4nderung, auf die man wirklich den Finger legen konnte. \u00a0Nichts Offensichtliches, sehr subtil, es war ein fast greifbares Gef\u00fchl, das das Haus und die Familie durchdrang. Dieses Gef\u00fchl war nicht beruhigend oder tr\u00f6stlich, aber es war auch nicht wirklich unheilvoll. Die beste Beschreibung, die mir daf\u00fcr in \u00fcber drei\u00dfig Jahren eingefallen ist, lautet: unerkl\u00e4rlich.<\/p>\n<p>Um die Sicherheit oder das Wohlergehen meiner S\u00f6hne machte ich mir nie Sorgen. Sie waren bei ihrer Mutter. F\u00fcr mein Gef\u00fchl war die Kirche der sicherste Ort f\u00fcr ein Kind. Und sie waren immer voll Begeisterung, wenn sie zur\u00fcckkamen, sie sangen und spielten. Sie waren fr\u00f6hlich. Sogar sp\u00e4ter, als ich anfing, Ger\u00fcchte \u00fcber Drohungen gegen Jim Jones\u2019 Leben zu h\u00f6ren, und als sich herumsprach, dass sein zusehends paranoides Verhalten Argwohn erregte, vertraute ich dem Wort meiner Familie. Wenn ich sie gelegentlich nach den Anschuldigungen fragte, von denen ich\u00a0 geh\u00f6rt hatte, beruhigten sie mich rasch. Das seien blo\u00df die Mainstream-Medien und eine \u00d6ffentlichkeit, die die Wahrheit nicht kannte, versicherten sie mir; es gehe ihnen hervorragend und sie seien in guten H\u00e4nden.<\/p>\n<p>Ich hatte mein Lebtag keinen Grund gehabt, an meiner Mutter, meiner Tante oder sonst irgendjemandem aus meiner Familie zu zweifeln, und ich w\u00fcrde jetzt nicht damit anfangen, trotz der winzigen Knoten, die sich in meiner Magengrube zu bilden begannen. Ich rief mir in Erinnerung, dass keiner in meiner Familie sich \u2013 und erst recht nicht die Kinder \u2013 in irgendeine Art von Gefahr bringen w\u00fcrde, egal, aus welchem Grund. Dieser Gedanke war es, der mir half, den Knoten in meinem Magen zu bet\u00e4uben.<\/p>\n<p>Und dann kam Betty zu mir und wollte mit allen anderen runter nach Guyana. Ich wusste von der Gemeinde, die sie dort unten hatten, tats\u00e4chlich waren meine Tante Verdella und Onkel Walter bereits hingefahren. Er war allein zur\u00fcckgekommen, sagte jedoch, es gebe keinerlei Grund zur Sorge, alles sei bestens dort. Er habe blo\u00df wieder zur\u00fcck ins Stadtleben gewollt.<\/p>\n<p>Es macht jedoch einen Unterschied, ob es eine Tante und ein Onkel sind, die weggehen wollen oder die eigene Frau und die Kinder. Betty sagte mir, dass die Kirche fort m\u00fcsse von der \u00dcberwachung durch die Regierung und den Vorurteilen der amerikanischen \u00d6ffentlichkeit. Wenn sie wirklich frei sein wollten, mussten sie die Chance auf dieses einmalige Erlebnis nutzen. Sie w\u00fcrden vielleicht h\u00f6chstens ein Jahr dort verbringen; die Kinder w\u00fcrden jedoch ihr ganzes Leben davon profitieren. Ich wollte nat\u00fcrlich keine Phase der Kindheit meiner Jungs verpassen, und ich \u00fcberlegte, ob es vielleicht einen Kompromiss gab. Der Ausdruck in ihren Augen lie\u00df mich jedoch recht deutlich erkennen, was los war. Dass sie mich um Erlaubnis bat, war eine Formalit\u00e4t und ein Appell an mein m\u00e4nnliches Ego. Ich malte mir aus, wie ich eines Tages nach Hause kommen und einen Zettel und leere Schr\u00e4nke vorfinden w\u00fcrde. Weil ich ihr nicht das Gef\u00fchl geben wollte, sich fortstehlen zu m\u00fcssen und dann keinen Ort mehr zu haben, an den sie zur\u00fcckkehren konnte, schlug ich ihr eine Abmachung vor: Sie durfte die Jungs mitnehmen und ihnen das einmalige Erlebnis bieten, aber nach einem Jahr \u2013 allerh\u00f6chstens \u2013 w\u00fcrden sie zur\u00fcckkommen. In der Zwischenzeit w\u00fcrde es Besuche, Anrufe, Berichte und Fotos geben, alles, um den Kontakt mit der Familie aufrecht zu erhalten. Sie war einverstanden; dann zog sie den Zettel mit der Erlaubniserkl\u00e4rung hervor, die sie brauchte, damit Klein-Steve das Land verlassen durfte.<\/p>\n<p>Ich versuchte h\u00f6chstwahrscheinlich, meinen Alltag zu bew\u00e4ltigen, als ob nichts geschehen sei \u2013 mich selbst zu t\u00e4uschen \u2013 und nahm deshalb in der Zeit bis hin zu und nach der Abreise meiner Familie nur wenige echte Emotionen wahr. Bevor sie wegfuhren, verbrachte ich mit den Jungs so viel Zeit, wie ich nur konnte, und ich versuchte, keine gro\u00dfe Sache daraus zu machen; immer und immer wieder sagte ich mir, dass ich sie ja bald besuchen w\u00fcrde und dass das Jahr ohnehin wie im Flug vergehen w\u00fcrde. Ich lie\u00df mir nichts anmerken, als ich meine Frau, meine Nichte und meinen Bruder umarmte und ihnen eine sichere Reise w\u00fcnschte. Marcus und Klein-Steve wirkten so gro\u00df in ihren brandneuen, zueinander passenden Outfits. Ich k\u00f6nnte schw\u00f6ren, dass sie sich ein wenig gr\u00f6\u00dfer machten, so, als h\u00e4tten sie die Besch\u00fctzerverantwortung des Familienoberhaupts in meiner Abwesenheit bereits \u00fcbernommen. Ich musste im Stillen dar\u00fcber lachen, aber vor allem machte es mich stolz.<\/p>\n<p>Dann, einfach so, waren sie fort.<\/p>\n<p>Meine Mutter war gemeinsam mit einer Handvoll anderer Familienmitglieder in San Francisco geblieben. Die Idee war, dass wir alle in nicht allzu ferner Zukunft wieder vereint sein w\u00fcrden. Was immer notwendig war, damit meine Familie zusammen, gl\u00fccklich, gesund und \u2013 was am wichtigsten war \u2013 intakt blieb, war ich bereit zu tun.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Von Zeit zu Zeit erhielt ich kurze Briefe aus Guyana. Ich fand diese Briefe allesamt etwas unpers\u00f6nlich, fast schon allgemein, war jedoch auch froh zu h\u00f6ren, dass es allen gut ging. Wenig sp\u00e4ter ergab es sich, dass ich mit meinem Onkel Walter \u00fcber seine Guyana-Reise mit meiner Tante Verdella sprach; dieses Mal murmelte er jedoch, als er mir die Geschichte erz\u00e4hlte, pl\u00f6tzlich etwas von seinem Reisepass. Verwirrt fragte ich ihn, wovon er da redete. Um nach Jonestown zu kommen \u2013 nicht generell, sondern beim ersten Kontakt mit den Wachen am Eingangstor \u2013 musste man seinen Reisepass abgeben. Er hatte das schlichtweg verweigert, und weil er eine solche Szene machte, hatte man ihm widerwillig erlaubt, ihn zu behalten.<\/p>\n<p>Mir wurde pl\u00f6tzlich k\u00f6rperlich \u00fcbel. Diesmal versuchte ich nicht, nach au\u00dfen hin tapfer zu sein. Ich f\u00fchlte mich vollkommen machtlos. Ich war wie ein ver\u00e4ngstigtes Kind, das zwar keine Ahnung hatte, was vor sich ging, aber wusste, dass es sich in Sicherheit bringen musste, weil das B\u00f6se es sonst erwischen w\u00fcrde. Seltsamerweise war ich selbst in meinem verzweifelten Zustand kontrolliert genug, daf\u00fcr, dass er eine so entscheidende Information weggelassen hatte, nicht auf meinen Onkel loszugehen. Ich w\u00fcrde gerne sagen, dass dies ein bewusster Akt des Verst\u00e4ndnisses und der Reife war, aber das war nicht der Fall. Es war dies ein Moment in meinem Leben, der sich nicht nur auf immer in mein Ged\u00e4chtnis gebrannt hat, sondern in meine Seele.<\/p>\n<p>Von diesem Moment an konnte ich mir nicht mehr einreden, dass das nagende Gef\u00fchl in meinem Bauch unbegr\u00fcndet war. Ich habe nie geglaubt, dass der Gedankenlosigkeit meines Onkels Absicht oder irgendeine B\u00f6swilligkeit zugrunde lag. Erst vor sehr kurzer Zeit war ich erstmals imstande, auszusprechen, dass ich wirklich w\u00fctend und durcheinander war und mich fast schon betrogen f\u00fchlte. Ich wollte nie, dass irgendjemand dachte, ich w\u00fcrde ihm die Schuld f\u00fcr irgendetwas geben, denn das tat ich tats\u00e4chlich nicht. Ich habe mit dem \u201eh\u00e4tte\u201d und \u201cw\u00e4re doch\u201d in meinem Herzen jahrzehntelang gelebt, ohne dar\u00fcber zu sprechen. Ich glaube wirklich, dass ich, w\u00e4re mir dieses St\u00fcck Information bekannt gewesen, nie auf die Idee gekommen w\u00e4re, meine Kinder von meiner Seite zu lassen. Die Erwachsenen konnten nat\u00fcrlich ihre eigenen Entscheidungen treffen, ihre eigene Wahl, und ich w\u00fcrde sie respektieren. Aber meine unschuldigen kleinen Jungs, die blo\u00df ein Abenteuer erleben und neue, aufregende Dinge sehen wollten? Um nichts in der Welt h\u00e4tte ich so eine Zustimmungserkl\u00e4rung unterschrieben. Man kann zu diesem sp\u00e4ten Zeitpunkt unm\u00f6glich wissen, was passiert w\u00e4re oder was sein h\u00e4tte k\u00f6nnen. Ich wei\u00df es bestimmt nicht, aber das war der kleine Happen Trost, an dem ich mich festhielt, wann immer sich Schuldgef\u00fchle, Schuldzuweisungen oder Verurteilung in meine Gedanken schleichen wollten.<\/p>\n<p>Und w\u00e4hrend meine Seele in sich zusammenbrach, schien auch die Welt um mich herum zu explodieren. Die Medien begannen zu berichten, dass Leute, die aus Jonestown in die Staaten zur\u00fcckgekehrt waren, behaupteten, Jim Jones sei ein Betr\u00fcger; dass er ein anderer Mensch geworden sei, verborgene Beweggr\u00fcnde habe. Sein Verhalten sei nunmehr durch Gier motiviert und von Drogenkonsum bestimmt, und er mache jetzt auch keine gro\u00dfen Anstalten mehr, dies zu verbergen. Die Predigten, wie er sie in der Kirche gehalten hatte, gab es nicht mehr, sie waren ersetzt worden durch Treffen der Gemeinschaft zu Pl\u00e4nen und Strategien, und man war st\u00e4ndig in der Defensive. Es gab Drill, \u00dcbungen, Bestrafungen und Tests, und aus damals unbekannten Gr\u00fcnden schienen die verbleibenden Mitglieder nur allzu bereit zu sein, ihn gew\u00e4hren zu lassen. . \u00a0Obwohl ihre Loyalit\u00e4t anfangen mochte zu wanken, waren sie nach wie vor fest entschlossen, ihre Hingabe an diesen Mann und an die Sache, wie er sie definierte, unter Beweis zu stellen.<\/p>\n<p>Die Presse berichtete auch dar\u00fcber, dass die Regierung sich nun eingehender mit den Finanzen der Kirche befasste, und je mehr die Regierung untersuchte, desto mehr Fragen tauchten auf. Gleichzeitig schien San Francisco in sein eigenes politisches Chaos zu st\u00fcrzen, was \u2013 je nachdem, wen man fragte \u2013 entweder mit Jim Jones und dem <em>Peoples Temple<\/em> zu tun hatte oder nicht. Alles, was ich wusste, war, dass die ganze Stadt nerv\u00f6s war. Die Stimmung war gepr\u00e4gt von Unsicherheit und Sorge.<\/p>\n<p>Klein-Steves vierter Geburtstag stand bevor, und ich beschloss, dass ich ihn sehen musste. Ich versuchte, meine n\u00e4chsten Schritte zu planen, wie ich von der Arbeit wegkommen konnte, wie ich einen Flug au\u00dfer Landes bekommen konnte. Die Sache mit den Wachen am Eingangstor, an denen man vorbei musste, schreckte mich keine Sekunde lang ab. Ich hatte Kinder, die zur\u00fcck mussten in die Sicherheit des einzigen Zuhauses, das sie kannten. Ich verfluchte mich daf\u00fcr, dass ich, als ich Betty mein Okay gegeben hatte, nicht an Dinge wie Ferien gedacht hatte. Es war einer dieser Momente, in denen man Stimmen im Hinterkopf h\u00f6rt, die einen st\u00e4ndig fragen: was hast du getan, was hast du getan? Es waren laute, w\u00fctende, anklagende Stimmen, die mich nicht in Ruhe lassen wollten. Ich funktionierte zu jener Zeit in einem extrem primitiven \u00dcberlebensmodus.<\/p>\n<p>Ich habe wenig Erinnerung daran, was genau ich zu jener Zeit tat. Ich wei\u00df nicht, ob das so ist, weil mein Gehirn versucht, mich vor diesen Erinnerungen zu sch\u00fctzen, oder ob es solche Details als unn\u00f6tig erachtet hatte und blo\u00df die grundlegenden, allerwichtigsten Informationen speichern konnte.<\/p>\n<p>Aber was auch immer der Grund sein mag, ich bin nicht in der Lage, \u00fcber die Schritte, die ich setzte, w\u00e4hrend ich Vorbereitungen traf, um meine Jungs nach Hause zu holen, Rechenschaft abzulegen. Dankenswerterweise hielt meine Mutter mich \u00fcber alle Berichte, die sie den Nachrichten entnehmen konnte, auf dem Laufenden, und als ich h\u00f6rte, dass unser Kongressabgeordneter Leo Ryan unterwegs nach Guyana war, um festzustellen, was dort wirklich los war, sp\u00fcrte ich, wie eine riesige Welle der Erleichterung meinen K\u00f6rper durchflutete. Der ganze Stress der letzten Zeit und das Adrenalin, das meinen Autopiloten am Laufen gehalten hatte, flossen aus mir heraus. Ich fing wieder zu hoffen an, zu glauben, dass ich nicht wirklich an der Schwelle zu einem Alptraum stand. Ich musste beinahe laut lachen \u2013 gewiss aus Wahnsinn \u2013und ich dachte, wie dumm ich doch gewesen war, so zu \u00fcberreagieren und das Schlimmste anzunehmen. Wenn Betty wieder zuhause war, w\u00fcrde sie die Vorstellung, dass ich wie ein Irrer durch die Stadt gelaufen war und davon gebrabbelt hatte, nach S\u00fcdamerika zu gehen, sicher zum Schreien komisch finden. Tr\u00e4nen liefen mir \u00fcbers Gesicht, w\u00e4hrend ich den aufgestauten und \u2013 wie ich glaubte \u2013 aus Einbildung entstandenen Emotionen freien Lauf lie\u00df. Ich sa\u00df vor dem Fernseher, um hinsichtlich s\u00e4mtlicher Neuigkeiten zum Besuch des Kongressabgeordneten auf dem Laufenden zu bleiben. Ich lie\u00df mich sogar dazu hinrei\u00dfen, mir die M\u00f6glichkeit vorzustellen, im Fernsehen meine Kinder oder meine Frau zu ersp\u00e4hen, wie sie mir zuwinkten, w\u00e4hrend sie das Flugzeug bestiegen, in dem sie mit Ryan nach Hause zur\u00fcckkehren w\u00fcrden. W\u00e4hrend ich zulie\u00df, dass die Ersch\u00f6pfung mich \u00fcbermannte, \u00fcberkam mich ein Gef\u00fchl der Ganzheit und des Geliebt-Werdens, ich konnte die Gegenwart meiner Familie sp\u00fcren. Es w\u00e4hrte nur einen kurzen Moment lang, aber es war da. Sie w\u00fcrden nach Hause kommen, wird hatten einen Geburtstag zu planen, und bald kam die Urlaubszeit. Oh ja, wir hatten eine Menge an Planungsarbeit vor uns, aber ich w\u00fcrde daf\u00fcr sorgen, dass wir uns an die Ferien dieses Jahres noch unser ganzes Leben lang erinnern w\u00fcrden. Mit diesem Gedanken im Kopf fiel ich in einen dringend ben\u00f6tigten, beinahe komat\u00f6sen Schlaf.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Von Anfang an wurde der Name Jim Jones in unserer Gemeinschaft gefl\u00fcstert, als sei er ein Geheimnis. Jahrelang w\u00fcrden Leute mich fragen, warum ich dem Peoples Temple nicht beigetreten war. Ohne meine Antwort abzuwarten, w\u00fcrden sie mir dann mitteilen, dass ich Gl\u00fcck gehabt h\u00e4tte, dass es intelligent von mir gewesen sei, nicht beizutreten, dass ich gesegnet sein oder einen sechsten Sinn gehabt haben m\u00fcsse, dass jemand auf mich aufpasste. Ich wei\u00df, dass sie es gut meinen, aber derlei als Komplimente maskierte Aussagen sind sehr grausam und schmerzhaft. Die Menschen, die Jim Jones folgten \u2013 auch meine eigene Familie \u2013 waren Menschen, die aus sich das Beste machen wollten. Sie wollten dazu beitragen, etwas Positives zu hinterlassen. Sie wollten frei, gl\u00fccklich und geliebt sein und das Gef\u00fchl haben, Teil von etwas zu sein, das gr\u00f6\u00dfer war als sie selbst. Es ging ihnen dabei nie um Geld, Macht oder Rasse. \u201eSekte\u201c, \u201eGehirnw\u00e4sche\u201c, \u201cSchachfiguren\u201d sind keine W\u00f6rter, die jemand verwenden w\u00fcrde, der meine Familie au\u00dferhalb des Temples kennengelernt hat. Wie alle Familien, die Jim Jones folgten, m\u00f6gen sie hinsichtlich der Dinge, die in der Kirche vor sich gingen, blind oder naiv gewesen sein, aber sie waren weder ungebildet noch dumm noch psychisch gest\u00f6rt.<\/p>\n<p>Es hat einen erheblichen Teil meines Erwachsenendaseins gebraucht, bis ich f\u00e4hig war, diese Trag\u00f6die und Erinnerung aus einem anderen Blickwinkel zu sehen. Ich glaube, dass meine Familie \u2013 wie so viele andere \u2013 tapfer genug war, ihr eigenes Dasein zu entwurzeln, jedes St\u00fcck Sicherheit, an das sie ihr ganzes Leben lang gew\u00f6hnt waren, aufzugeben f\u00fcr das, woran sie glaubten. Die Menschen, die nicht blo\u00df redeten, sondern vielmehr gem\u00e4\u00df ihren \u00dcberzeugungen handelten \u2013 das waren sie. Ich werde vielleicht nie erfahren, was da unten im Dschungel von Guyana vor sich ging, oder wer welchen Masterplan ersonnen hat. Es mag mir nicht zustehen, das zu wissen. Bei Gott, ich w\u00fcnschte, es w\u00e4re die Erf\u00fcllung ihrer Gebete gewesen, so wie sie es geglaubt hatten. Ich stelle mir gern vor, dass es blo\u00df ein Sprungbrett dorthin war, wo sie jetzt in Frieden ruhen. Die Jungs sind immer noch genauso liebevoll und gut, nichts Schweres oder B\u00f6ses ist in ihren Herzen. Ich wei\u00df, dass sie auf ihre Mutter aufpassen, weil sie immer nur das Beste f\u00fcr sie wollte, genauso wie ich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie hier.] Im Alter von 24 Jahren heiratete ich Betty Leon Carter. Es war das Jahr 1973, ich war 24, fest angestellt und bereit, die Welt zu erobern. Das einzige, was ich noch brauchte, war eine eigene Familie. Ich war in San Francisco aufgewachsen, bei meiner Mutter Dorothy Lee [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":92999,"menu_order":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-93001","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/93001","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93001"}],"version-history":[{"count":9,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/93001\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93017,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/93001\/revisions\/93017"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/92999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93001"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}