{"id":93020,"date":"2019-10-07T15:35:43","date_gmt":"2019-10-07T22:35:43","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93020"},"modified":"2019-10-07T15:37:33","modified_gmt":"2019-10-07T22:37:33","slug":"miss-frankie-erinnerung-an-eine-freundin","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93020","title":{"rendered":"Miss Frankie &#8211; Erinnerung an eine Freundin"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=29243\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/em><em>.]<\/em><\/p>\n<p>Ich trat dem Peoples Temple bei, als ich zw\u00f6lf Jahre alt war. Vielleicht sollte ich das nicht sagen, denn wer im Alter von zw\u00f6lf Jahren k\u00f6nnte eine solche Entscheidung wirklich f\u00fcr sich selbst treffen? Genau genommen war die Freundin meines Stiefvaters Mitglied der Kirche, und sie f\u00fchrte mich dort ein, in der Hoffnung, dass ich mich \u201cberuhigen\u201d w\u00fcrde. Ich hatte mich in eine recht rebellische Richtung entwickelt und begonnen, mich auf eine Weise aufzuf\u00fchren, die gef\u00e4hrlich war f\u00fcr mich. Die Kirche betrieb sehr viel Jugendarbeit, und sie hatte das Gef\u00fchl, dass ich dort ein wenig zur R\u00e4son kommen w\u00fcrde. Ich wurde in die Obhut eines Temple-Mitglieds gegeben, das in San Francisco lebte. Zwei Jahre sp\u00e4ter, nach einem Selbstmordversuch, wurde ich in eine andere Familie gegeben, in Redwood Valley. Temple-Mitglied zu sein lie\u00df mich tats\u00e4chlich ein wenig zur Ruhe kommen, im Gegenzug brachte es jedoch jede Menge \u00c4ngste in mein Leben. Ich lernte Newhuanda Darnes kennen, eine Freundin und echte Vertraute, und das war, was ich zu jener Zeit wirklich brauchte. Ihre Mutter und Miss Frankie waren Freundinnen, und sie \u00fcbernachteten immer bei ihr, wenn die Kirche nach Los Angeles kam.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df wirklich nicht mehr, wann ich Frankie Grigsby, die Frau, die wir \u201cMiss Frankie\u201d nannten, kennengelernt habe. Ich sah sie hinter einem der Tische in der Kirche in Los Angeles sitzen und ihre unbeschreiblich k\u00f6stlichen Kuchen verkaufen. Ihr 7-Up-Guglhupf<a title=\"\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> war zum Niederknien! Und sie wusste, wie man einen Vogel br\u00e4t! Ihr gebratenes H\u00e4hnchen war \u00fcberirdisch.\u00a0 Ich hing gerne an ihrem Tisch rum und \u201chalf\u201d ihr, wo ich nur konnte, nur um ein St\u00fcck Kuchen oder einen H\u00fchnerfl\u00fcgel zu ergattern.<\/p>\n<p>Wir machten Witze und lachten. Newhuanda wusste, dass ich das Lachen wieder erlernen musste, also fing sie an, mich zu Miss Frankie einzuladen. Newhuanda und ich \u00e4nderten den Titel des Beatles-Lieds \u201cEleanor Rigby\u201d in \u201cFrankie Grigsby\u201d um. Miss Frankie lachte, wenn wir es sangen. Ich mochte sie, weil sie immer interessiert schien an dem, was ich zu sagen hatte. Sie hatte eine Art, einen anzusehen, die einem das Gef\u00fchl gab, interessant und wichtig zu sein. Wenn man mit Miss Frankie sprach, erhielt man ihre volle Aufmerksamkeit.<\/p>\n<p>Ich wei\u00df nicht, warum ich anfing, die Samstagabende, wenn die Kirche zu den Messen nach Los Angeles runter kam, bei ihr zu verbringen. Ich meine, ich hatte Familie in Los Angeles, zu der ich nach Hause gehen h\u00e4tte k\u00f6nnen, aber manchmal umging ich einen Besuch bei meinen Geschwistern und ging zu Miss Frankie. Ich hatte hinterher immer ein schlechtes Gewissen deshalb, aber eine Nacht bei Miss Frankie war es immer wert. Wir blieben lange wach und redeten. Miss Frankie war unerm\u00fcdlich. Ich habe nie herausgefunden, wie sie das machte. Sie konnte ihren Tisch betreuen, Kirchenaufgaben erledigen und dann nach Hause kommen und auch noch G\u00e4ste von au\u00dferhalb bewirten.<\/p>\n<p>Der Sonntagmorgen bei ihr zuhause war ein Ereignis. Miss Frankie glaubte an den Wert eines herzhaften Fr\u00fchst\u00fccks, und keiner ihrer G\u00e4ste ging fort, ohne ein solches genossen zu haben. Nie und nimmer h\u00e4tte jemand ihr Haus verlassen d\u00fcrfen, ohne zuvor ihren Speck, ihre Eier, den Brei, ihre Kekse und manchmal sogar gebratenes H\u00e4hnchen zu verzehren! Sie gab einem das Gef\u00fchl, dass es f\u00fcr sie nicht blo\u00df ein Mahl war. Ich vermute, sie teilte dabei ein St\u00fcck von sich selbst mit uns. Ich bezweifle, dass sie in Jonestown je die Chance hatte, diesen Teil ihrer selbst mit anderen zu teilen.<\/p>\n<p>Es ist Jahrzehnte her, dass sie tot ist, aber noch immer kann ich mich an den Duft und Geschmack von Miss Frankies Liebe und G\u00fcte erinnern. Ich habe mich oft gefragt, ob irgendwer sich so an sie erinnert und sie so vermisst wie ich.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> 7Up pound cake: sehr beliebter Napfkuchen, dem statt Mineralwasser 7Up beigef\u00fcgt wird, Anm. d. \u00dc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0hier.] Ich trat dem Peoples Temple bei, als ich zw\u00f6lf Jahre alt war. Vielleicht sollte ich das nicht sagen, denn wer im Alter von zw\u00f6lf Jahren k\u00f6nnte eine solche Entscheidung wirklich f\u00fcr sich selbst treffen? 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