{"id":93027,"date":"2019-10-07T15:41:12","date_gmt":"2019-10-07T22:41:12","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93027"},"modified":"2019-10-08T11:27:03","modified_gmt":"2019-10-08T18:27:03","slug":"der-schonste-sommer","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93027","title":{"rendered":"Der sch\u00f6nste Sommer"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=31457\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/em><em>.]<\/em><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Ich war siebzehn Jahre alt, hatte soeben die High School abgeschlossen, lebte im Sunset District von San Francisco und war Mitglied der Baptistenkirche in der Western Addition<a title=\"\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a>, als ich den\u00a0 Peoples Temple kennenlernte. Jim Jones und seine Gemeinde besuchten die Kirche in jenem Sommer, und das sollte mein ganzes Leben ver\u00e4ndern. Ich war skeptisch und neugierig hinsichtlich all dieser Leute, die sich den Anschein gaben, Teil unserer Kirche sein zu wollen. Wir waren eine durch und durch afroamerikanische Gemeinde und f\u00fchlten uns nicht sehr wohl mit dieser rassenintegrierten Gruppe. Allm\u00e4hlich jedoch begriffen wir, dass ihre Freundlichkeit aufrichtig war und man ihnen trauen konnte. Jim Jones war unglaublich charmant, und ohne viel M\u00fche brachte er viele von uns dazu, uns auf einen Besuch in Redwood Valley<a title=\"\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> zu freuen. Ich mochte die Kinder und die jungen Erwachsenen wirklich gern.<\/p>\n<p>Manchmal, wenn ich an diese fr\u00fchen Begegnungen zur\u00fcckdenke, k\u00e4mpfe ich darum, zu verstehen, wie all das in einem solchen Desaster enden konnte. Es ist so schmerzhaft, an die Menschen zu denken, die wir so liebten, an denen uns so viel lag. Ich frage mich, wie sie heute w\u00e4ren, wenn sie dem Wahnsinn entkommen w\u00e4ren. Da ich die Kirche verlassen habe, bevor die Migration nach S\u00fcdamerika begann, kann ich es mir nur vorstellen.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich gern an die guten Zeiten, bevor all das bizarre Verhalten anfing. Ich erinnere mich an meine kleine Nichte Ava, ihre Mutter Alice und deren beste Freundin Eileen. Ich erinnere mich an den Sommer 1970, an das Schwimmen im Cold Creek und die Ausfl\u00fcge zum Bezirks-Jahrmarkt. Peoples Temple hatte immer einen Stand beim Jahrmarkt, und wir wechselten uns alle ab, um ihn zu betreuen. Es machte mir Spa\u00df, den Schmuck und die Sandkerzen herzustellen, die wir am Jahrmarkt verkauften. Es war ein langer, fauler, herrlicher Sommer. Obwohl das drei\u00dfig Jahre her ist, erinnere ich mich immer noch an die langen Tische, voll mit allen Arten von Wackelpudding, Salaten und Kuchen, die man sich nur vorstellen kann.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die St\u00fccke, die Jim Pugh schrieb und die wir dann vor einem aufmerksamen Publikum auff\u00fchrten. Ich erinnere mich an die Chorproben am Samstag, mit Loretta am Klavier und Don Beck, der den Jugendchor dirigierte.<\/p>\n<p>Ich vermisse die Leute des Temple. Ich wei\u00df noch, dass ich mich um ihr Wohlergehen sorgte, nachdem wir 1973 den Temple verlassen hatten. Irgendwie hatte ich nie ein gutes Gef\u00fchl gehabt dabei, wie die Gruppe sich langfristig entwickeln w\u00fcrde. Ich war in der fr\u00fcheren Phase Mitglied des Planungskomitees gewesen und verlie\u00df die Treffen oft mit einem unguten Gef\u00fchl. Das Schlimmste daran war, dass es niemanden gab, mit dem man solche Gef\u00fchle vertrauensvoll besprechen konnte. Wehe, du erw\u00e4hntest sie jemandem gegen\u00fcber, der sich mit deinem Vertrauen ein paar Pluspunkte f\u00fcr \u201cEngagement\u201d erkaufen wollte.<\/p>\n<p>Ich erinnere mich an die tiefe Traurigkeit, die mich befiel, als ich vom Tod Bob Houstons h\u00f6rte. Besonders traurig war, zu h\u00f6ren, auf welche Weise er starb, erdr\u00fcckt zwischen Eisenbahnwaggons auf einem Rangierbahnhof. Ich erinnere mich, wie er in der Band spielte, und wie er und Phyllis ihre kleinen T\u00f6chter gro\u00dfzogen. Die gleiche Traurigkeit \u00fcberfiel mich, als ich vom Tod Curtis Buckleys h\u00f6rte. Ich wei\u00df noch gut, wieviel Zeit Dave und Janet mit ihm verbrachten, und wie sie diesem Kind, das so viel Liebe und Best\u00e4tigung brauchte, ihre Herzen und ihr Heim \u00f6ffneten.<\/p>\n<p>Ich verlie\u00df den Peoples Temple einige Jahre, bevor die gro\u00dfe Migration nach S\u00fcdamerika begann. Ich verlie\u00df ihn au\u00dferdem ohne Vorstellung von einer Zukunft. Irgendwo zwischen kommunalem Leben und der Arbeit f\u00fcr \u201eUtopia\u201c kam mir die F\u00e4higkeit zu tr\u00e4umen abhanden. Es war mir klar, dass ich die Situation, in der ich war, nicht wollte, aber ich konnte mir mich selbst nirgendwo anders vorstellen.<\/p>\n<p>Ich kam als Teenager zum Temple, bevor ich wirklich wusste, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich hatte das Gl\u00fcck, eine biologische Familie zu haben, die bereit war, mir all die kalten Worte zu verzeihen, mit denen ich sie in meinen Jahren als PT-Mitglied bedacht hatte. Nach meinem Abgang aus dem Temple versteckte ich mich einige Monate lang, bevor ich in die\u00a0 Bay Area zur\u00fcckkehrte. Ich war ausgelaugt von all den Schuldgef\u00fchlen und anderen Belastungen, die ich nicht benennen kann. Anfangs war ich unsicher, wenn ich ausging und unter Leuten war. Ich hatte das Gef\u00fchl, sie w\u00fcssten irgendwie, dass ich im Grunde genommen etliche Jahre in sozialer Isolation gelebt hatte.<\/p>\n<p>Ich habe den PT \u2013 mit Ausnahme enger Familienmitglieder \u2013 nie irgendjemandem gegen\u00fcber erw\u00e4hnt. Andere Mitglieder kennen das genauso: Ich habe mich nicht gesch\u00e4mt f\u00fcr die Kirche, aber ich wollte nicht, dass die Leute wussten, dass ich dazugeh\u00f6rte. Ich wollte keine Kritik h\u00f6ren an meiner Entscheidung, dem Peoples Temple beizutreten und anzugeh\u00f6ren. Ich hatte immer noch das Gef\u00fchl, die Kirche gegen Leute von \u201eDrau\u00dfen\u201c verteidigen zu m\u00fcssen, obwohl ich gar kein Mitglied mehr war.<\/p>\n<p>Meine Familie gab mir einen Zufluchtsort, um zur Ruhe zu kommen und zu versuchen, wieder ein Gef\u00fchl von Richtung in mein Leben zu bekommen. Es war ein Segen f\u00fcr mich, dass ich sie hatte. Aber ich halte es dem PT zugute, dass er mir beibrachte, tiefer f\u00fcr andere zu empfinden als ich das tat, bevor ich Mitglied wurde. Es ist fast drei\u00dfig Jahre her, aber als ich am Ende von Leighs Lesung ihres St\u00fccks<a title=\"\" href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> Melvin Johnsons Lied \u201cWalk A Mile In My Shoes\u201d h\u00f6rte, stiegen brennend hei\u00dfe Tr\u00e4nen aus meinem Herzen auf. Ich stellte auch fest, dass einige der Dinge, die ich im Peoples Temple gelernt hatte, mich bef\u00e4higten, mit der \u201cAu\u00dfenwelt\u201d fertig zu werden.<\/p>\n<p>Ich kehrte zu der traditionellen Religion zur\u00fcck, in der ich vor meiner Begegnung mit\u00a0 Jim Jones gewesen war, aber ich sch\u00e4tzte auch den Wert einiger Lehren, die ich aus meiner Zeit im Temple\u00a0 mitgenommen hatte.<\/p>\n<p>Ich schaffte es, meine Ausbildung abzuschlie\u00dfen und eine erfolgreiche berufliche Laufbahn einzuschlagen. Mein Mann und ich haben unsere drei wundervollen Kinder in der Bay Area in San Francisco gro\u00dfgezogen.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Jener Stadtteil von San Francisco, in dem sich sp\u00e4ter auch die Peoples Temple Zentrale befinden sollte.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Der Sitz des Temple befand sich zu jener Zeit noch in Redwood Valley, wohin Jones die Mitglieder der Baptistenkirche eingeladen hatte.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Leigh Fondakowski, \u201cStories from Jonestown\u201d.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0hier.]\u00a0 Ich war siebzehn Jahre alt, hatte soeben die High School abgeschlossen, lebte im Sunset District von San Francisco und war Mitglied der Baptistenkirche in der Western Addition[1], als ich den\u00a0 Peoples Temple kennenlernte. Jim Jones und seine Gemeinde besuchten die Kirche in jenem Sommer, und das sollte mein [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"parent":92999,"menu_order":5,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","template":"","meta":{"_acf_changed":false,"footnotes":""},"class_list":["post-93027","page","type-page","status-publish","hentry"],"acf":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/93027","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages"}],"about":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/page"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=93027"}],"version-history":[{"count":5,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/93027\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":93094,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/93027\/revisions\/93094"}],"up":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/pages\/92999"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=93027"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}