{"id":93039,"date":"2019-10-07T15:51:22","date_gmt":"2019-10-07T22:51:22","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93039"},"modified":"2019-10-07T15:52:37","modified_gmt":"2019-10-07T22:52:37","slug":"showtime","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93039","title":{"rendered":"Showtime"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=30806\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/em><em>.]<\/em><\/p>\n<p>Die Musik verklingt, das Klatschen wird schw\u00e4cher, und die Leute sehen uns an. Alle einhundert plus. Ich halte Ollies Hand und warte. Jones fing an, Namen zu nennen. Mann, ich kann das verdammt noch mal nicht glauben. Ich dachte, das h\u00e4tte schon in den Staaten aufh\u00f6ren sollen. Keine Disziplinierungen mehr, zumindest nicht \u00f6ffentlich.<\/p>\n<p>Ich bin in einer schwierigen Lage. Meine Mom ist zu sehr akklimatisiert, Ollie ist achteinhalb Monate schwanger, ich habe keine Karte, keinen Kompass, keinen Reisepass, kein Geld. Immerhin, ich habe ein Taschenmesser\u2026 und die Gegebenheiten der Situation sind mir gerade tief, sehr tief ins Bewusstsein gedrungen. Erstmal alles abw\u00e4gen. Oh-oh. Jones redet sich in Fahrt. Er setzt an zu seiner (ICH WILL JETZT MAL KLARTEXT MIT EUCH REDEN) Rede.<\/p>\n<p>Was wir hier haben, ist ein eigent\u00fcmlicher Augenblick. Es ist dieser Kampf-oder-Flucht-Moment, jener Moment, in dem sich alles in dir wie Gummi anf\u00fchlt Adrenalin schie\u00dft ein die Beine zucken Tunnelblick setzt ein du kannst alles um dich herum h\u00f6ren und sp\u00fcren.<\/p>\n<p>Meine Handfl\u00e4chen schwitzen. Ollie sagt, ich halte ihre Hand zu fest, es tut weh. Ich lasse sofort los. Ich fange an, mit Blicken den Pavillon\u00a0 abzusuchen, ohne eine Ahnung zu haben, wonach ich Ausschau halte.<\/p>\n<p>Drei M\u00e4nner und deren Frauen und Kinder stehen vor dem Publikum. Jones tadelt die jungen M\u00e4nner wegen ihrer Verfehlungen w\u00e4hrend des Bus-Trips quer durch die USA, von San Francisco nach Florida, sowie weiterer Eskapaden in Georgetown, Guyana. Ich will ihre Namen hier nicht nennen. Sie alle sind tot und k\u00f6nnen sich nicht verteidigen. Welche Fehler sie auch gemacht haben m\u00f6gen, es waren und sind harmlose Fehler, verglichen mit dem Preis, den sie daf\u00fcr zu zahlen haben werden. Dem Preis, den wir alle zu zahlen hatten.<\/p>\n<p>Zwei der M\u00e4nner m\u00fcssen die n\u00e4chsten vierundzwanzig Stunden durcharbeiten. Der dritte brachte Jones wirklich in Rage, ihm wird von einigen der Wachposten der Arsch versohlt.<\/p>\n<p>Jones setzt fort, indem er uns mitteilt, dass sich ein Spion unter uns befinde, und dass alle Tonbandkassetten unverz\u00fcglich konfisziert werden. Was? Bl\u00f6dsinn!<\/p>\n<p>Das war nun echt ein beschissenes Problem. Ich hatte dreihundertf\u00fcnfundsechzig Neunzig-Minuten-Kassetten in meinem Seesack. Ich w\u00fcrde nicht in die USA zur\u00fcckkehren. Ich brauchte meine Musik.<\/p>\n<p>Und \u00fcberhaupt, was soll dieser Schwachsinn \u00fcber einen Spion? Wer w\u00fcrde so etwas wagen?<\/p>\n<p>Jetzt bin ich paranoid. Angeblich sollte der Spion Informationen mittels einer Musikkassette \u00fcberbringen. Die n\u00e4chsten paar Stunden: Paranoia, Vaterlandsverteidigung, Aufsp\u00fcren des mutma\u00dflichen Spions.\u00a0 Dann, zur Kr\u00f6nung des Abends, d\u00fcstere Warnungen und Erl\u00e4uterungen von Jones.<\/p>\n<ol>\n<li>Er habe bereits einen Spion erwischt.<\/li>\n<li>Der Spion werde in einer Kiste im Bananenkeller festgehalten.<\/li>\n<li>Seid ganz still, wenn ihr an der Kiste vorbeigeht, in der er gefangen gehalten wird.<\/li>\n<li>Das war n\u00f6tig!<\/li>\n<\/ol>\n<p>An diesem Punkt reicht es mir endg\u00fcltig, Reiz\u00fcberflutung. Es ist nicht zu Ende f\u00fcr mich. Eine WEISSE NACHT wird ausgerufen. Was zum Teufel ist eine WEISSE NACHT? M\u00e4nner laufen herum wieder macht sich Hektik breit man sagt den Leuten sie sollen Ruhe bewahren. Von der B\u00fchne aus teilt Jones uns mit, wenn sie kommen, um einen von uns zu holen, k\u00f6nnten sie ebenso gut kommen, um uns alle zu holen. Er weist alle an, zu singen und zu schreien, so laut wir nur k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>So habe ich mir das nicht vorgestellt. Das Leben meiner Familie ist in Gefahr und es gibt wenig, falls \u00fcberhaupt etwas, das ich tun k\u00f6nnte, um die Lage zu \u00e4ndern. Unsere Feinde sind im Dschungel. Ihre Absicht ist, uns umzubringen. Meine Freunde sind zu vierundzwanzig Stunden durchgehender Arbeit verdonnert worden. Ich habe meine erste Jonestown-Arschversohlung gesehen, wir haben eine WEISSE NACHT, werden angegriffen, meine Frau ist achteinhalb Monate schwanger, wir sind mitten in einem Dschungel, der so dunkel ist, dass ich ihn nicht sehen kann, ich habe keinen Ausstiegsplan. Wo ist eigentlich der Ausgang? Ich habe keine Ahnung, wer Freund ist und wer Feind\u2026<\/p>\n<p>Immerhin, ich habe ein Taschenmesser.<\/p>\n<p>&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;&#8212;<\/p>\n<p><em>Eugene Smith befand sich am 18. November 1978 auf einem Arbeitseinsatz in Georgetown. Seine Mutter, seine Ehefrau Ollie und sein neugeborener Sohn starben in Jonestown. &#8211; Ein Interview mit Eugene Smith findet sich in Leigh Fondakowski, \u201eStories from Jonestown\u201c,<\/em> <em>University of Minnesota Press, 2013. Im Jahr 2015 nahm Smith an einer <\/em><a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/watch?v=LzE3Ra7ag4c\"><em>Diskussionsrunde<\/em><\/a><em> der California Historical Society teil. Anm. d. \u00dc.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0hier.] Die Musik verklingt, das Klatschen wird schw\u00e4cher, und die Leute sehen uns an. Alle einhundert plus. Ich halte Ollies Hand und warte. Jones fing an, Namen zu nennen. Mann, ich kann das verdammt noch mal nicht glauben. Ich dachte, das h\u00e4tte schon in den Staaten aufh\u00f6ren sollen. 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