{"id":93049,"date":"2019-10-07T16:04:05","date_gmt":"2019-10-07T23:04:05","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93049"},"modified":"2019-10-07T16:04:27","modified_gmt":"2019-10-07T23:04:27","slug":"eine-welt-fur-sich-das-leben-in-den-staaten-nach-jim-jones-umzug-nach-guyana","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93049","title":{"rendered":"Eine Welt f\u00fcr sich: Das Leben in den Staaten nach Jim Jones&#8217; Umzug nach Guyana"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=34222\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/em><em>.]<\/em><\/p>\n<p>Als Jim und weitere Personen nach Guyana aufbrachen, \u00e4nderten sich die Aktivit\u00e4ten im Tempel erheblich. In San Francisco fanden weiterhin Versammlungen statt, diese waren jedoch kurz und sp\u00e4rlich besucht: man lauschte einem Tonband von Jim, es gab Zeugnisablegungen und Opfersammlungen. Hinter den Kulissen bereiteten jene, die noch hier waren, immer noch die Abreise der Leute vor, was bedeutete, sie mit dem auszustatten, was mitgenommen werden musste, Holzkisten zu bauen, aus Wohnungen auszuziehen und sie zu reinigen.<\/p>\n<p>Alle kramten ihre Sachen zusammen und packten sie in ihre Kisten. Dar\u00fcber hinaus nahm jeder einen Seesack voller Gegenst\u00e4nde mit, um die man in Jonestown gebeten hatte. Abreisende wurden per Bus an unterschiedliche Abreiseorte verfrachtet \u2013 angeblich, um keine Aufmerksamkeit zu erregen, wahrscheinlich aber, weil die Tickets von der Ostk\u00fcste weg billiger waren.<\/p>\n<p>Die alle zwei Wochen stattfindenden Bus-Trips nach Los Angeles gab es nur noch bis Ende 1976, als der Temple seinen Wirkungsbereich verkleinerte, obwohl Jim oder Marcie dort noch einige Messen abhielten, bis Jim im Juni 1977 nach Guyana aufbrach.<\/p>\n<p>Redwood Valley\/Ukiah war schon fr\u00fcher reduziert worden, als das Zentrum des Temple sich nach San Francisco verlegte. Als Jim nach Guyana ging, wurden wir in Redwood Valley noch weniger: einige Pflegeeinrichtungen und die Ranch waren noch in Betrieb. Alice Inghram war eine von jenen, die in Redwood Valley blieben, um die Einrichtungen zu betreiben und dann zu schlie\u00dfen, und im Mai 1978 ging sie schlie\u00dflich runter nach Jonestown. Im November 1978 war lediglich die Ranch noch in Betrieb.<\/p>\n<p>Ich unterrichtete nach wie vor in Ukiah, und mittlerweile lebte ich auf der Ranch und arbeitete dort einen Teil meiner Zeit. Die Stimmung war gut; wir gingen davon aus, zu gegebener Zeit nach Guyana zu gehen. Niemand von uns fuhr zu Versammlungen nach San Francisco, und wir hatten auch keine Versammlungen in Redwood Valley. Ich kann nicht f\u00fcr andere sprechen, wei\u00df aber, dass ich erleichtert war, keine Messen zu haben, keine Security-Schicht, nicht busfahren und nicht in Sitzungen der Planungskommission zu m\u00fcssen \u2013 und, da Jim Jones weit weg war, nicht unter Dauerkontrolle zu stehen oder l\u00e4cherlich gemacht und daran erinnert zu werden, sich schuldig zu f\u00fchlen, weil man zu wenig tat.<\/p>\n<p>Das Leben war viel einfacher geworden. Nach wie vor hielt uns der Wunsch zusammen, eine bessere Welt aufzubauen; Guyana war das Sinnbild daf\u00fcr. Was wir nicht wussten, war, dass Jim Jones in Guyana, krank, auf Drogen und der Welt gegen\u00fcber paranoid, den Kontakt mit dem Leben verlieren w\u00fcrde, zu dessen Aufbau er uns alle inspiriert hatte \u2013 und dass seine nie in Frage gestellte Autorit\u00e4t unsere Gemeinschaft irgendwann zerst\u00f6ren w\u00fcrde.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Ich hatte zwei Sommer in Guyana verbracht. Im ersten Sommer, 1974, waren dort blo\u00df eine Handvoll Leute; wir trafen Vorbereitungen f\u00fcr die Ankunft unseres Boots, der <em>Cudjoe<\/em>, und f\u00fcr die ersten Siedler, insgesamt etwa achtzehn Personen. Es wurde gerodet und gebaut. In meinem zweiten Sommer, 1976, waren dort ungef\u00e4hr vierzig Leute. Es gab etliche Geb\u00e4ude, weitere Rodungen waren im Gange, H\u00fchner wurden gez\u00fcchtet, Pflanzen und B\u00e4ume angepflanzt und einiges mehr. Wir arbeiteten an einem Schulprogramm f\u00fcr unsere Kinder dort.<\/p>\n<p>F\u00fcr mich waren diese Sommer in Guyana von einem sehr starken Gef\u00fchl der Kameradschaft und Kooperation getragen. Wir arbeiteten, um eine Gemeinschaft aufzubauen, an die wir alle glaubten. Das Leben in einem Dschungel stand in Kontrast zum Trubel unseres Tempellebens in den Staaten, wo wir keine Zeit hatten, unsere <em>Gemeinschaft<\/em> zu genie\u00dfen. F\u00fcr mich war die Kooperation und Arbeit einer <em>kleinen Gruppe<\/em> von Menschen in der <em>herrlichen Natur<\/em> des Regenwalds ein willkommener Anfang der Realit\u00e4t, die wir erschaffen wollten. Ich konnte sehen, was wir aufbauten!<\/p>\n<p>In \u00e4hnlicher Weise war der Alltag auf der Ranch, nachdem Jim 1977 nach Guyana gegangen war und es keine Messen, endlosen Versammlungen, etc. mehr gab, eine willkommene Abwechslung. Ich sp\u00fcrte dieselbe Kameradschaft, die ich auch 1976 in Jonestown gesp\u00fcrt hatte. Wie in einer Pause, die wir uns allesamt verdient hatten, war endlich Zeit, all das zu genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Die Ranch\u00a0 war mit ihren T\u00e4tigkeiten besch\u00e4ftigt und wurde zu einer Welt f\u00fcr sich. Wir arbeiteten mit den Klienten, fuhren sie zu diversen Aktivit\u00e4ten, k\u00fcmmerten uns um ihre Bed\u00fcrfnisse und lehrten sie Kompetenzen f\u00fcr ein unabh\u00e4ngiges Leben. F\u00fcr Jonestown nahmen wir Fernsehfilme auf Band auf. Wir kauften und verpackten Unterrichts- und andere Materialien, um sie nach Jonestown zu schicken.<\/p>\n<p>Nach wie vor unterrichtete ich in Ukiah in einem zweisprachigen Programm, bei dessen Aufbau ich mithalf. Au\u00dferdem besuchte ich zweimal die Woche an der Sonoma State University Kurse, die ich f\u00fcr meine Unterrichtst\u00e4tigkeit ben\u00f6tigte. Ich hatte folglich ein Leben au\u00dferhalb des\u00a0 Temple \u2013 obwohl ich nach wie vor bereit war, nach Guyana zu gehen, zu dem, was ich in den Sommern, die ich dort verbracht hatte, kennengelernt hatte. Wir waren alle in einer Art Warteschleife, darauf wartend, dass wir uns zu unseren Kindern und Freunden gesellen w\u00fcrden.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Am 18. November waren jene von uns, die noch in den USA waren, um nichts weniger \u00fcberrascht, durcheinander und am Boden zerst\u00f6rt als die breite \u00d6ffentlichkeit. Was immer wir von \u201cWei\u00dfen N\u00e4chten\u201d geh\u00f6rt haben mochten, niemand hatte geglaubt, dass es wirklich passieren w\u00fcrde. Die Tage danach waren f\u00fcr uns alle enorm verunsichernd. Die Klienten wurden von der Ranch geholt. Der Geheimdienst interviewte uns alle in San Francisco. Die Presse hatte die ersten Listen von Toten, wollte sie uns jedoch nur geben, wenn wir uns beim Lesen dieser Listen filmen lie\u00dfen. Wir lehnten ab, und die <em>Besorgten Angeh\u00f6rigen<\/em> taten dasselbe (wie wir 25 Jahre sp\u00e4ter herausfanden).<\/p>\n<p>Wir l\u00f6sten die Temple-Korporation in Kalifornien auf. Ich stellte fest, dass ich im Leitungsgremium der Korporation in Kalifornien war. Als einer der Gesch\u00e4ftsleiter erhielt ich von der US-Regierung eine Rechnung \u00fcber mehr als 4,3 Millionen Dollar f\u00fcr das \u00dcberbringen der Leichen aus Guyana. Der Anwalt Charles Garry, der uns allen hinterher half, teilte mir mit, dass ich als Mitglied der Gesch\u00e4ftsleitung informiert wurde und nicht pers\u00f6nlich zu zahlen hatte. Ich war erleichtert.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend die wirtschaftlichen Angelegenheiten des Temple geregelt wurden, durften wir auf der Ranch bleiben, bis sie im April 1979 verkauft wurde, obwohl die Klienten nie zur\u00fcckkehrten. Ich war in einer Art Nebel gefangen \u2013 ich glaube, das waren wir alle \u2013\u00a0 w\u00e4hrend ich versuchte, in etwas Sinnwidrigem irgendeinen Sinn zu finden. Ich hatte insofern mehr Gl\u00fcck als andere, als ich einen Job hatte und in der Gemeinde in Ukiah Unterst\u00fctzung fand. Die \u00fcbrigen auf der Ranch gingen nach deren Verlassen ihre eigenen Wege. Zwar bot die Gemeinde in San Francisco Therapiem\u00f6glichkeiten an, aber in Wirklichkeit wusste niemand, was er tun oder zu uns sagen sollte. Meine Familie unterst\u00fctzte mich, war jedoch in vielerlei Hinsicht genauso durch den Wind \u00fcber all das wie ich.<\/p>\n<p>Aus den \u00dcberlebenden gingen etliche Paare hervor, die \u00fcber die Jahre hinweg zusammenblieben. Nach und nach fanden wir alle Wege und Orte, an denen wir weitermachen konnten \u2013 manchen gelang das besser als anderen. Obwohl ich mich 1982 scheiden lie\u00df, telefonierten meine Ex und ich mehr als f\u00fcnf Jahre lang t\u00e4glich.<\/p>\n<p>Ich w\u00fcrde sagen, dass wir dazu gebracht worden waren, der Welt zu misstrauen, in die wir zur\u00fcckkehrten \u2013 und die in der Tat nicht \u00fcberm\u00e4\u00dfig freundlich war. Die meisten B\u00fccher und sogar zwei Filme, die kurz danach auftauchten, waren geschmacklose Darstellungen, die auf den Schrecken des Endes hin geschrieben und von den Medien seit nun \u00fcber drei\u00dfig Jahren so in Stein gemei\u00dfelt wurden. Einige sp\u00e4tere B\u00fccher waren jedoch gut recherchiert und dokumentiert.<\/p>\n<p>Erst, als Leigh Fondakowski etwa 20 Jahre sp\u00e4ter an ihrem St\u00fcck <em>The People\u2019s Temple<\/em> zu arbeiten begann, das auf Interviews mit \u00dcberlebenden basiert, begannen wir \u00fcber die Temple \u2013 Erfahrung zu sprechen. Als das St\u00fcck rauskam, trafen viele \u00dcberlebende einander zum ersten Mal seit 25 Jahren wieder. Niemand wollte den Peoples Temple zu neuem Leben erwecken, aber, ob wir wollten oder nicht, wir hatten eine aus einer entsetzlichen Erfahrung resultierende Bindung aneinander, und wir hatten noch immer den gemeinsamen Glauben an eine bessere Welt.<\/p>\n<p>Mit dem Geschehenen fertig zu werden war ein kontinuierlicher Prozess. Mir wurde zum Teil durch die Website des Jonestown-Institute geholfen, die eine M\u00f6glichkeit bietet,\u00a0 \u00fcber den Peoples Temple in Verbindung zu treten, dar\u00fcber zu lesen und zu schreiben. Noch heilsamer sind f\u00fcr mich die j\u00e4hrlichen Treffen, die sich entwickelt haben und bei denen \u00dcberlebende und Freunde zusammenkommen, reden und Erfahrungen austauschen.<\/p>\n<p>Drei\u00dfig Jahre danach bin ich nun imstande, die Frage, die mich seit dem 18. November begleitet hat, zu beantworten: <em>Wie konnte etwas, das so echt und gut zu sein schien, ein so b\u00f6ses Ende nehmen? <\/em>Beim Wiederaufnehmen meiner Kontakte zu \u00dcberlebenden habe ich festgestellt, dass das Gute, das ich im Peoples Temple gefunden hatte,\u00a0 <em>echt <\/em>war und dass es dem Guten entsprang, das\u00a0 <em>wir alle <\/em>einbrachten \u2013 und in jenen, die \u00fcberlebt haben, finde ich es nach wie vor.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0hier.] Als Jim und weitere Personen nach Guyana aufbrachen, \u00e4nderten sich die Aktivit\u00e4ten im Tempel erheblich. In San Francisco fanden weiterhin Versammlungen statt, diese waren jedoch kurz und sp\u00e4rlich besucht: man lauschte einem Tonband von Jim, es gab Zeugnisablegungen und Opfersammlungen. 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