{"id":93060,"date":"2019-10-07T16:14:19","date_gmt":"2019-10-07T23:14:19","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93060"},"modified":"2019-10-07T16:17:06","modified_gmt":"2019-10-07T23:17:06","slug":"erinnerungen-an-meine-schwester","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93060","title":{"rendered":"Erinnerungen an meine Schwester"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=34318\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/em><em>.]<\/em><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Melanie Wanda Hector war eines von acht Kindern, die Lena und Edward Hector geboren wurden. Als Kind war Melanie scheu und sorglos. Sie las gerne, liebte alte Westernfilme und Musik. Wir nannten sie liebevoll \u201cOld Lady Sucky,\u201d<a title=\"\" href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> weil ihr ruhiges und zur\u00fcckhaltendes Wesen wie die Seele von jemandem war, der schon viele, viele Jahre gelebt hatte.<\/p>\n<p>Eine meiner liebsten Erinnerungen an meine Schwester ist, wie wir als junge M\u00e4dchen gemeinsam eine Fahrradtour unternahmen. Ich wei\u00df noch ganz genau, wie ich mich freute, dass meine gro\u00dfe Schwester sich Zeit genommen hatte, um sie mit mir zu verbringen, und dass jener Tag geradezu perfekt war zum Fahrradfahren.<\/p>\n<p>Unsere Familie wuchs in S\u00fcdkalifornien auf. Melanie absolvierte die Washington High School in Los Angeles, wo sie Mitglied des <em>Drum and Bugle Corps<\/em><a title=\"\" href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a> gewesen war.<\/p>\n<p>Melanie wurde christlich erzogen. Als sie ihren Mann Michael Simon kennenlernte, trat sie jedoch seiner Kirche bei, dem Peoples Temple. Michael und seine Familie waren bereits sehr engagiert in der Kirche, und Michaels Mutter Pauline und sein Bruder Anthony arbeiteten sogar dort.<\/p>\n<p>Michael und Melanie waren Mitglieder des Peoples Temple in Los Angeles, aber nach der Geburt ihrer Tochter Aisha zog die dreik\u00f6pfige Familie nach San Francisco. Sie schenkten all ihre Besitzt\u00fcmer der Kirche und lebten in einem Ein-Zimmer-Appartement. Michael arbeitete nach wie vor f\u00fcr die Kirche, w\u00e4hrend Melanie zuhause blieb und sich um ihrer beider Tochter k\u00fcmmerte. Als Michaels Mutter und Bruder sich entschieden, nach Guyana zu gehen, kam Michael mit, und Melanie folgte ihrem Mann.<\/p>\n<p>Melanie war immer ein bisschen \u00fcbergewichtig. Als sie ein Foto von sich aus Guyana schickte, sahen wir, dass sie mindestens hundert Pfund verloren hatte. Wir erkannten sie kaum wieder.<\/p>\n<p>Melanie und ihre beiden T\u00f6chter Aisha und Zateese starben in Jonestown. Michael \u00fcberlebte das Gemetzel in Jonestown, weil er zuf\u00e4llig gerade in Georgetown beim Zahnarzt war, als das Sterben stattfand. Er kehrte in die USA zur\u00fcck und kontaktierte uns einmal. Wir haben drei\u00dfig Jahre lang nichts mehr von ihm geh\u00f6rt. Ich w\u00fcrde ihn gern finden und bitte alle, die das hier lesen und ihn kennen, ihn zu fragen, ob er nicht Kontakt mit uns aufnehmen m\u00f6chte.<\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">* * * * *<\/p>\n<p>Meine Schwester Melanie hatte ein gro\u00dfes Herz; sie k\u00fcmmerte sich gern um andere, pflegte andere gerne, was den Wunsch in ihr erweckte, im Pflegebereich zu arbeiten. Sie war ein bodenst\u00e4ndiger Mensch und eine hingebungsvolle Mutter. Von ihren f\u00fcnf Schwestern und zwei Br\u00fcdern wurde sie sehr geliebt.<\/p>\n<p>Als ihre erste Tochter Aisha geboren war, entdeckte ich eine Seite an ihr, die ich nie zuvor gesehen hatte. Mutter zu werden brachte wirklich das Beste in ihr hervor.\u00a0 Sie liebte ihre Tochter mehr als das Leben selbst, und ich wei\u00df, dass diese Liebe sich auch auf ihre zweite Tochter ersteckte.<\/p>\n<p>Liebe Melanie, wir werden dich nie vergessen.<\/p>\n<p>Geschrieben in Liebe.<\/p>\n<p>\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014\u2014<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> An anderer Stelle erz\u00e4hlt Jacinta Powers von einem Brief, den Melanie ihrer Mutter aus Jonestown geschickt hatte. Da die Briefe zensiert wurden, konnten pers\u00f6nliche Mitteilungen nur begrenzt get\u00e4tigt werden, idealerweise so, dass den Zensoren ihr Sinn verborgen blieb. Melanie verwendete dazu den Spitznamen, den man ihr als Kind gegeben hatte: \u201eOld Lady Sucky\u201c wolle nach Hause, schrieb sie. Anm. d. \u00dc.<\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a>\u00a0 Musikgruppe, die aus Blechbl\u00e4sern, Schlag- und Effektinstrumenten und einer Showtanzgruppe besteht. F\u00fcr Paraden und Wettk\u00e4mpfe werden Shows einstudiert, die aus Musik und Choreographie bestehen. Anm. d. \u00dc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0hier.]\u00a0 Melanie Wanda Hector war eines von acht Kindern, die Lena und Edward Hector geboren wurden. Als Kind war Melanie scheu und sorglos. Sie las gerne, liebte alte Westernfilme und Musik. 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