{"id":93065,"date":"2019-10-07T16:52:59","date_gmt":"2019-10-07T23:52:59","guid":{"rendered":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93065"},"modified":"2019-10-14T15:17:47","modified_gmt":"2019-10-14T22:17:47","slug":"der-tod-zweier-tochter-trauer-und-erinnerung","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=93065","title":{"rendered":"Der Tod zweier T\u00f6chter: Trauer und Erinnerung"},"content":{"rendered":"<p><em>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0<\/em><em><a href=\"https:\/\/jonestown.sdsu.edu\/?page_id=16991\"><strong>hier<\/strong><\/a><\/em><em>.]<\/em><\/p>\n<p>Unsere T\u00f6chter Carolyn und Annie und unser Enkelkind Kimo waren Wunder aus Licht und Liebe und Humor. Ihre Leben waren kurz und leuchtend wie Meteore.<\/p>\n<p>Sie starben am 18. November 1978 in Jonestown, Guyana, zusammen mit mehr als 900 weiteren Mitgliedern ihrer Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Carolyn traf Jim Jones erstmals im Jahr 1968 im Peoples Temple in Redwood Valley. Mein Mann John, meine beiden anderen T\u00f6chter und ich trafen Jim ein paar Monate sp\u00e4ter bei Carolyn zuhause. Zwanzig Jahre sind verstrichen, und erst jetzt habe ich angefangen, die Ereignisse in meinem Bewusstsein zu ordnen und \u00fcber meine Wahrnehmung der Person Jim Jones nachzudenken. Die Charakterisierung von Charisma und dessen Bedeutung \u00fcberlasse ich Psychiatern, Soziologen und Philosophen. Aber ich war hochgradig abgesto\u00dfen von diesem dunkelhaarigen Fremden mit seinem flotten Konversationsstil und dem hastigen, kichernden Lachen. Ich mag es, wenn ein Mann in guter Stimmung schmunzelt, prustet oder schallend lacht.<\/p>\n<p>Das Wort \u201cVorbote\u201d kommt mir in den Sinn. Der Vorbote des Todes. Dabei hatten jene, die ihm folgten \u2013 darunter eine zweite unserer T\u00f6chter, Annie, die dem Peoples Temple ein paar Jahre nach Carolyn beitrat \u2014 das Gef\u00fchl, er br\u00e4chte ihnen neues Leben. Sie waren fasziniert von seiner Pers\u00f6nlichkeit und gefangen in \u2013 man kann es nicht anders beschreiben &#8211; erstaunlich soliden Wohlfahrtsprojekten.<\/p>\n<p>Irgendwann traf auch Willy, unser Hund, auf Jim Jones. Willy hatte noch nie jemanden gebissen oder angeknurrt. Er war ein echtes Kind der 1960er Jahre, ein Bursche mit Schlappohren, gro\u00dfen Pfoten und einem sonnigen Gem\u00fct, der Schmetterlingen hinterher jagte und die Welt samt deren Bewohnern liebte. Aber Jim knurrte er an, als er ihn zum ersten Mal sah.<\/p>\n<p>Mit dem Aberglauben und Unbehagen, das sich beim Kennenlernen von Jim in meinem Bewusstsein breitmachte, konkurrierte zugegebenerma\u00dfen aber auch der alte Spruch \u201cDie Hoffnung stirbt zuletzt\u201d. Ich sagte mir, dass im Peoples Temple so manches Gute geschah, und dass er sich mit der Zeit, wie viele Bewegungen, wahrscheinlich verlaufen w\u00fcrde. Aber nach Carolyns ersten Beschreibungen des\u00a0 Peoples Temple war John und mir das &#8211; unserem Gef\u00fchl nach &#8211; bizarre Treiben, zu dem Jim Jones anregte, unangenehm bewusst. Als Anf\u00fchrer war er eine Kombination aus Prediger, Finanzhai, politischem Strategen und Scharlatan. Es konnte alles M\u00f6gliche passieren.<\/p>\n<p>Auf der anderen Seite war die Anh\u00e4ngerschaft von Jim Jones unglaublich idealistisch und kreativ. Peoples Temple war in der Kennedy\/Vietnam-\u00c4ra entstanden, aus Mitgef\u00fchl f\u00fcr Menschen jeder Rasse und Schicht. Temple-Mitglieder waren tief religi\u00f6se Menschen in dem Sinn, dass sie sich f\u00fcr die Armen, Beeintr\u00e4chtigten und Behinderten des Landes einsetzten, und ebenso f\u00fcr einen Wandel politischer Institutionen, sodass diese der \u00d6ffentlichkeit besser dienen k\u00f6nnten.<\/p>\n<p>Unsere T\u00f6chter sind dem Temple zweifellos mit dem Vorsatz beigetreten, sich daf\u00fcr zu engagieren. Mein Mann John ist Pfarrer in der Vereinigten Methodistenkirche, und wir haben unsere drei Kinder dazu erzogen, die wahre Bedeutung von Mitgef\u00fchl, Teilen und menschlicher Verantwortung zu begreifen.<\/p>\n<p>Die Mitglieder des Peoples Temple waren unterschiedlichster Herkunft. Einige waren die Kinder von Sklaven aus dem S\u00fcden, andere &#8211; junge Erwachsene \u2013 kamen aus der oberen Mittelschicht in Burlingame, Kalifornien. Unter ihnen fanden sich Chemiker, Buchhalter, Mechaniker, Lehrer, Rechtsanw\u00e4lte, Krankenschwestern, Tischler, Handwerker und K\u00fcnstler, ebenso wie Ex-H\u00e4ftlinge und ehemalige Alkoholiker und Drogens\u00fcchtige. Sie stellten einen Querschnitt durch die gesamte Bev\u00f6lkerung der Vereinigten Staaten dar.<\/p>\n<p>Jonestown, Guyana, war ein gro\u00dfartiges Projekt! Auf tausend Morgen Land gesetzt, die einst von dichtem Dschungel bedeckt waren, wies diese ungew\u00f6hnliche Stadt eine mehrere tausend B\u00e4nde umfassende Bibliothek auf, eine Krankenstation, eine Zahnklinik, einen Kindergarten mit wundersch\u00f6n handgemachten M\u00f6beln und Spielzeug. H\u00fcbsche kleine wei\u00dfe Z\u00e4une trennten gut gepflegte Wege von G\u00e4rten voller Blumen und Gem\u00fcse. Um die Siedlung herum gab es Felder mit Nutzpflanzen, Obstg\u00e4rten und eine gro\u00dfe Nutztierfarm. Man konnte sehen, dass es neben harter Arbeit auch Spiel und Bildung gab: Jonestown hatte ein Basketball-Team, eine Rock-Band, Abende, an denen gelacht und gesungen wurde, sowie Schulen, die Unterricht f\u00fcr alle Altersgruppen boten. In Anerkennung der Tatsache, dass ihre Existenz zum Teil den Gnaden eines fremden Landes geschuldet war, unterhielt die Gemeinschaft Kontakte mit der Regierung von Guyana sowie mit herausragenden Pers\u00f6nlichkeiten aus Kultur und dem universit\u00e4rem Bereich. Es sollte eine utopische Gemeinschaft werden.<\/p>\n<p>Wenn die Menschen in Jonestown keinen durchgedrehten und machtgierigen Anf\u00fchrer gehabt h\u00e4tten, h\u00e4tte das Experiment funktionieren k\u00f6nnen. Das Tragische ist, dass eine ganze Gemeinde als Reaktion auf die Gewaltt\u00e4tigkeit einiger weniger starb, die die blutigen Morde in Port Kaituma ausgef\u00fchrt hatten.<\/p>\n<p>Die Details in den ersten Nachrichtenmeldungen aus Jonestown waren sp\u00e4rlich. Den Berichten \u00fcber die Ermordung des Kongressabgeordneten Leo Ryan folgten Ger\u00fcchte \u00fcber 200 Tote in der Siedlung selbst. John und ich waren in Sorge, aber hoffnungsvoll, und durch meinen Kopf liefen\u00a0 Phantasien rund um das \u00dcberleben unserer T\u00f6chter. Vernunftbegabt, wie sie waren,\u00a0 und ausgestattet mit einem Sinn f\u00fcrs Praktische waren sie selbstverst\u00e4ndlich noch am Leben. Vielleicht hatte Annie Kimo und eine Gruppe von Kindern durch den Dschungel nach Venezuela gef\u00fchrt. Was f\u00fcr Vorstellungen ich hatte! Ich setzte meine Thanksgiving-Planung in unserem Zuhause in Reno, Nevada in ritueller Weise fort, selbst, als Freunde vorbeikamen, um ihre Besorgnis auszudr\u00fccken. Eine Freundin, die in ihrem eigenen Leben Schweres durchgemacht hatte, sagte: \u201cIch f\u00fchle, dass deine T\u00f6chter am Leben sind.\u201d \u201cSelbstverst\u00e4ndlich\u201d, dachte ich.<\/p>\n<p>\u201cDu N\u00e4rrin\u201d, sagte ich sp\u00e4ter zu mir, in meinem nimmer endenden Taumel durchs Leben.<\/p>\n<p>In Wahrheit hatte ich keine \u2013 oder fast keine \u2013 Tr\u00e4nen mehr, als die Nachrichten uns erreichten. Ich fing etwa sechs Jahre vor der finalen Trag\u00f6die zu weinen an. Unsere Familie war sich sehr nahe gewesen, wir hatten immer viel Spa\u00df, es gab Geschenke und wir tauschten Erfahrungen aus. Es gab keine Entfremdung, auch nicht, als Carolyn und Annie zum Peoples Temple geh\u00f6rten. Nur waren sie dann st\u00e4rker getrennt von dem, was gewesen war, war und sein w\u00fcrde. Auf unserer Seite herrschte dar\u00fcber Traurigkeit, auf ihrer Seite war es ein neues und aufregendes Abenteuer.<\/p>\n<p>Sie waren immer ein Teil von uns, und weder Zeit noch Raum konnten uns trennen. Briefe und Anrufe kamen alle zwei oder drei Wochen. Auch wir schrieben regelm\u00e4\u00dfig und schickten Geschenke. Dennoch, als sie die USA f\u00fcr ihr Dschungelleben verlie\u00dfen, dachte ich, \u201cSie werden nie wieder nach Hause kommen.\u201d Ich versuchte, dieser Zukunftsvision Widerstand zu leisten, mich auf Annies Talente als Krankenschwester und K\u00fcnstlerin zu konzentrieren, auf Carolyns Talent als Administrationsassistentin der Welt und all der Dinge in ihr, die organisiert und in Ordnung gebracht werden mussten. Auch andere halfen mir gegen dieses nagende Gef\u00fchl. Als ich Briefe mit den Schilderungen meiner T\u00f6chter einem Freund zeigte, sagte er, dass sie bestimmt dieser Tage in die Staaten zur\u00fcckkehren w\u00fcrden.<\/p>\n<p>Wenige Tage nach der Trag\u00f6die erfuhren wir, dass Carolyns witzige und lebhafte Freundin Sharon Amos, mit der wir korrespondiert hatten, ihren Kindern und sich selbst im Haus des\u00a0 Temple in Georgetown die Kehlen aufgeschlitzt hatte. John und ich fielen einander schluchzend in die Arme. Es war also wahr. Wenn Sharon ihre eigenen wundervollen Kinder umgebracht hatte, musste auch alles andere wahr sein. Jonestown, unsere T\u00f6chter und unser Enkelsohn waren ebenfalls tot.<\/p>\n<p>Damals entzog sich das Ereignis jedweden Verstehens und jedweder zufriedenstellender Erkl\u00e4rung. Nichtsdestotrotz waren Beistand und Trost seitens der Verwandten, Freunde und sogar von Fremden \u00fcberw\u00e4ltigend. Katholiken, Juden, Methodisten und andere religi\u00f6se Gemeinschaften schenkten unendlich viel Liebe und Mitgef\u00fchl. Die Stadt Reno schien mit uns zu trauern. Die Leute m\u00f6gen das Ph\u00e4nomen Massensuizid damals nicht verstanden haben, gaben uns jedoch unglaublich viel Verst\u00e4ndnis und Trost.<\/p>\n<p>In der Woche nach der Trag\u00f6die hatte John beschlossen, dass er am darauf folgenden Sonntag nicht predigen wollte. Ich bin nicht sicher, warum ich ihm sagte, er m\u00fcsse sprechen, jedenfalls \u00e4nderte er seine Meinung. Es war eine gro\u00dfartige Predigt! Noch zwei Jahre sp\u00e4ter tauchte sie landesweit an verschiedenen Orten auf, u.a. bei einer Friedenswache an einem Nuklearwaffenst\u00fctzpunkt. Sie war ein Zeugnis der Liebe f\u00fcr unsere Familie und f\u00fcr die Zerbrechlichkeit des menschlichen Geistes.<\/p>\n<p>Ich habe meine zerschlagene Psyche mit mir herumgetragen, w\u00e4hrend wir nach der Trag\u00f6die von Jonestown von einer Stadt in die n\u00e4chste zogen, und wenn ich die Gesichter meiner Familie in den Bilderrahmen abstaubte,\u00a0 habe ich mich oft gefragt: \u201cWarum, Gott?\u201d Zu anderen Zeiten habe ich innerlich geschrien, gebr\u00fcllt und gewettert gegen religi\u00f6se Sekten und charismatische Anf\u00fchrer.<\/p>\n<p>John wird oft gebeten, \u00fcber Sekten zu sprechen und eine aktive Rolle in Trauergruppen von Eltern einzunehmen, deren Kinder eines gewaltsamen Todes gestorben sind. Wir treffen uns auch mit Leuten, die sich gerade von der Zeit, die sie in einer Sekte zugebracht haben, regenerieren. Das war eine bereichernde Erfahrung; sie sind dabei, sich an ein erf\u00fclltes Leben zu gew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Jonestown und Jim Jones sind in unserem Leben allgegenw\u00e4rtig. Aus Zeitungen und Zeitschriften springen diese W\u00f6rter hervor und landen in Lebensgeschichten und Vorf\u00e4llen, die nichts damit zu tun haben. Ein Beispiel: Im Januar [1988] wurde ich zur Aus\u00fcbung meiner Geschworenenpflicht an den Gerichtshof von Yolo County gerufen, in der N\u00e4he unseres Hauses in Davis, California. Wir waren dort ungef\u00e4hr sechzig Personen, und ich war die zweite,\u00a0 die von zwei Rechtsanw\u00e4lten befragt wurde. Ich beantwortete die \u00fcblichen Fragen zu meiner Arbeit, meinem Familienstand, der Anzahl meiner Kinder und nat\u00fcrlich zu meinem Glauben an das Geschworenensystem und meiner eigenen F\u00e4higkeit, ein unparteiisches Urteil zu f\u00e4llen.<\/p>\n<p>Ich gab meine Antworten nicht oberfl\u00e4chlich und nicht leichtfertig, obwohl ich das Gef\u00fchl hatte, dass den Anw\u00e4lten \u201eJa\u201c- und \u201eNein\u201c-Antworten lieber gewesen w\u00e4ren. Einmal erw\u00e4hnte ich, dass mein Urteil fair, aber nicht immer fehlerlos sei, und dass ich nicht \u00fcber einen Fall entscheiden wolle, der ein Kapitalverbrechen involviert. Da es sich bei diesem Fall um Diebstahl handelte, tat dies meiner Eignung keinen Abbruch.<\/p>\n<p>Als sie mich nach dem Alter meiner Kinder fragten, sagte ich, eines davon sei 36. Nach einer Pause f\u00fcgte ich hinzu: \u201eZwei sind tot.\u201c Die beiden Anw\u00e4lte schwiegen einen Moment lang, dann akzeptierten sie mich als Geschworene. Ich hatte f\u00fcr jene Woche andere Pl\u00e4ne gehabt, sah jedoch ein, dass ich sie \u00e4ndern musste. Das hier w\u00fcrde einige Tage in Anspruch nehmen.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Mittagspause, die ich in einem kleinen Restaurant nebenan verbrachte, kam ich zuf\u00e4llig neben einer anderen potentiellen Geschworenen zu sitzen, einer fr\u00f6hlichen, redseligen Person, die voller Geschichten und Erfahrungen steckte. \u201cIhre Antworten auf die Fragen der Anw\u00e4lte haben mir wirklich gefallen.\u201d sagte sie. \u201cIch habe mir gedacht: das ist eine, die lieber nicht in diesem Schwurgericht sein m\u00f6chte. Ich glaube nicht, dass sie Sie behalten werden.\u201d<\/p>\n<p>\u201cAber ich wurde angenommen.\u201d sagte ich zu ihr.<\/p>\n<p>\u201cNein.\u201d sagte sie. \u201cIch bezweifle, dass man Sie behalten wird.\u201d<\/p>\n<p>Wir kehrten zur\u00fcck in den Gerichtssaal. Es war au\u00dferordentlich still. Wir Geschworenen fl\u00fcsterten miteinander, als seien wir in der Kirche. Schlie\u00dflich betrat der Richter den Saal, setzte sich, blickte auf und fragte: \u201cBefindet sich in diesem Gerichtssaal eine Person, deren T\u00f6chter im Jonestown-Massaker gestorben sind?\u201d<\/p>\n<p>Die Stille im Raum war greifbar. In einem Zustand des Schocks hob ich meine Hand.<\/p>\n<p>\u201cSie sind entlassen.\u201d sagte der Richter.<\/p>\n<p>Es war die Chance f\u00fcr das Drama des Tages und f\u00fcr die Frage, was Jonestown denn mit dem Fall zu tun habe, aber ich schaffte es nicht, sie zu ergreifen. Stattdessen erhob ich mich so w\u00fcrdevoll, wie ich eben konnte, von meinem Stuhl und verlie\u00df den Raum. Auf dem Gang holte mich der Gerichtsdiener ein und dankte mir f\u00fcr mein Kommen.<\/p>\n<p>Ich befand mich in einem Zustand des Schocks; dennoch schalt ich mich daf\u00fcr, so ein Riesenfeigling zu sein. Ich beschloss, dass mich dies nicht davon abhalten w\u00fcrde, mich ins Auto zu setzen, nach Hause zu fahren und mich f\u00fcr den n\u00e4chsten emotionalen Tumult zu wappnen. Ich begriff damals, wie auch heute, dass ich mein Leben lang immer und immer wieder daran erinnert werden w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Vier Monate sp\u00e4ter erhielt ich einen Brief, in dem man mich abermals einlud, meine Geschworenenpflicht auszu\u00fcben. Diesmal marschierte ich ins f\u00fcr die Vorvernehmung der Geschworenen zust\u00e4ndige B\u00fcro und erz\u00e4hlte dem dortigen Beamten von meiner vorangegangenen Begegnung mit dem Gericht. Sodann teilte ich mit, dass ich weder dieses Jahr, noch n\u00e4chstes, noch sonst irgendwann vorh\u00e4tte, in Yolo County als Geschworene zu fungieren.<\/p>\n<p>\u00dcber drei\u00dfig Jahre lang haben John und ich zugunsten von Belangen des Friedens und der Gerechtigkeit Briefe verfasst und an Demonstrationen teilgenommen. Wir haben gehofft, dass unser Eifer sich angesichts der Wunden aus unserer pers\u00f6nlichen Trag\u00f6die nicht vermindern w\u00fcrde. Meine Aktivit\u00e4ten haben sich nach dem Tod meiner T\u00f6chter nicht nennenswert ge\u00e4ndert, wenngleich ich die Dringlichkeit, anderer Menschen Bed\u00fcrfnisse zu erf\u00fcllen, st\u00e4rker zu sp\u00fcren begann. Ob man das als \u201espirituellen Imperativ\u201c bezeichnen kann oder ob es einfach dem Prozess des \u00c4lterwerdens geschuldet ist, kann ich nicht sagen. Vielleicht von beidem etwas. Als ich einem jungen College-Freund gegen\u00fcber erw\u00e4hnte, dass ich gerne ein wenig schreiben wolle, gab er zur Antwort: \u201eDu meine G\u00fcte, mach das besser bald. Du k\u00f6nntest jederzeit von einem Laster \u00fcberfahren werden!\u201d<\/p>\n<p>Mit den Besitzlosen, den Hungrigen und Kranken in Beziehung zu treten, hat f\u00fcr mich \u00fcber die Jahre hinweg eine tiefe Bedeutung gehabt. Ich war Teilzeit in einem Speisesaal der Katholischen Arbeiter f\u00fcr Arme und Obdachlose t\u00e4tig, und ich helfe in einer lokalen Notfallhilfsorganisation und in einem Rehabilitationszentrum f\u00fcr Frauen.<\/p>\n<p>Die W\u00fcstenv\u00e4ter des 4. Jahrhunderts, \u00fcber die Thomas Merton geschrieben hat, ermahnen uns, weder das leichte Leben zu suchen noch leere Eitelkeiten. Eine verwundete Psyche mag Vorstellungen von einem Leben als Mutter Teresa bef\u00f6rdern, verst\u00e4rkt jedoch auch das Streben nach Vergn\u00fcgen und sch\u00f6nen Zeiten. Ehrlich gesagt nehme ich so viele leere Eitelkeiten und so viel Fr\u00f6hlichkeit mit, wie ich nur irgend kriegen kann. Ich verschlinge gute B\u00fccher (und schlechte), gutes Essen, Kunst, Musik, genie\u00dfe die Gesellschaft unserer Freunde und Verwandten, die Freude an unserer \u00fcberlebenden Tochter und ihrer Familie und die lustigen, ernsten, weisen und l\u00e4cherlichen Erfahrungen des Lebens.<\/p>\n<p>Bevor er hingerichtet wurde, schrieb Dietrich Bonhoeffer einige letzte Worte an seine Familie, deren Eindringlichkeit mir nach wie vor ans Herz geht:<\/p>\n<blockquote><p>[Ich m\u00f6chte gerne etwas sagen, das Euch in der bevorstehenden Zeit der Trennung\u00a0 hilft\u2026Zun\u00e4chst:<a title=\"\" href=\"#_edn1\" name=\"_ednref1\">[1]<\/a> Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines uns lieben Menschen ersetzen kann, und man soll das auch gar nicht versuchen; man muss es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zun\u00e4chst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein gro\u00dfer Trost; denn indem die L\u00fccke wirklich unausgef\u00fcllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott f\u00fcllt die L\u00fccke aus; er f\u00fcllt sie gar nicht aus, sondern er h\u00e4lt sie vielmehr gerade unausgef\u00fcllt, und hilft uns dadurch, unsere echte Gemeinschaft \u2013 wenn auch unter Schmerzen \u2013 zu bewahren. Ferner: je sch\u00f6ner und voller die Erinnerungen, desto schwerer die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man tr\u00e4gt das vergangene Sch\u00f6ne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich.<\/p><\/blockquote>\n<p><strong>Endnote:<\/strong><\/p>\n<p><a title=\"\" href=\"#_ednref1\" name=\"_edn1\">[1]<\/a> Der in Klammern stehende Satz ist nicht der Originaltext Bonhoeffers, sondern wurde \u2013 da mir die Originalversion dieses Satzes zum Zeitpunkt der Publikation nicht zur Verf\u00fcgung stand \u2013 von mir aus dem Englischen r\u00fcck\u00fcbersetzt, Anm. d. \u00dc.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie\u00a0hier.] Unsere T\u00f6chter Carolyn und Annie und unser Enkelkind Kimo waren Wunder aus Licht und Liebe und Humor. Ihre Leben waren kurz und leuchtend wie Meteore. Sie starben am 18. November 1978 in Jonestown, Guyana, zusammen mit mehr als 900 weiteren Mitgliedern ihrer Gemeinschaft. 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