Babyzehen

by Stephan Jones

[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie hier.]

Sie krallte immer ihre Zehen in sein T-Shirt, wenn er sie auf seiner Hüfte hielt. Und er liebte sie von einem Ort aus, von dem er nicht wusste, dass er ihn besaß, und an den er nie wieder zurückkehren will.

* * * * *

Wir bauten uns in Jonestown einen provisorischen Basketballplatz, weil ich nichts lieber tat als Körbe werfen, weil Mike sich aufs Schweißen verstand, und weil wir beide von Dads Kontrollscheiße einfach genug hatten. Es war ein herzhaftes Stück Rebellion, das am Ende viele junge Leben rettete.

Es gelang uns, den Boden für einen Lager- und Werkzeugraum auf Pfähle zu setzen, bevor Dad sagte, dass wir für die Wände und das Dach kein Geld hätten. Dieser wand- und dachlose Boden umfasste in etwa dieselbe Fläche wie zwei seitlich aneinander gereihte Greyhound-Busse (eine Maßeinheit, mit der die Leute im Peoples Temple etwas anfangen konnten). Abgesehen von seinen steil abfallenden Rändern – wir hatten sie halsbrecherisch gebaut – war er praktisch wie geschaffen für ein Basketballfeld.

Ob Dad ausdrücklich gesagt hatte, dass wir kein Spielfeld haben durften, weiß ich nicht mehr. Die ganze Stadt wusste, dass er Wettkampfsport nicht billigte. Wahrscheinlich hatten wir absichtlich nicht gefragt und uns gedacht, mit den Folgen würden wir uns auseinandersetzen, wenn sie kämen. Gegen Ende von all dem schien es, dass wir immer erst einmal sehen wollten, wie weit wir kommen würden, bevor unser drogenzerrütteter Führer es merkte. Er und seine „Macht“ waren zu jenem Zeitpunkt schon so angeschlagen, dass es für ihn viel schwieriger war, etwas Bestehendes zu entfernen, als es kaputt zu machen, solange es bloß in unseren Köpfen existierte. Im schlimmsten Fall hätte er uns befehlen können, es abzureißen, und einmal mehr hätten wir gähnend, mit zusammengebissenen Zähnen oder grinsend eine seiner Brandreden über unser mangelndes Engagement und unsere durch und durch bürgerlichen Prioritäten über uns ergehen lassen.

Kaum war die Idee geboren, gab es kein Halten mehr. Eine Stange, ein Rückbrett, ein Winkeleisen, um das Rückbrett von der Stange abzuspreizen, ein Korb mit Netz…und schon nach wenigen Stunden hatten wir unser Baby zusammengebaut und im Boden. Es fühlte sich an, als errichteten wir ein Denkmal des Widerstands, als diese Stange – etwa im Mittelpunkt der Längsseite des Bodens – sich klingend gegen die Stille des grünen Walds abhob.

Beinahe sofort wurde unser Ballspiel zu einer Kraft, mit der in Jonestown zu rechnen war. Wir brauchten die erlösende Wirkung des Basketball, des sportlichen Wettkampfs: legale Aggression mit einer Unterströmung Gemeinschaft. Und es war eine von uns selbst, aus unserem freien Willen heraus geschaffene Gemeinschaft, von unten entstanden statt von oben befohlen. Echt anstatt eingefordert. Der Platz war ein Kind der Rebellion, und sogar Dad wusste, dass der Versuch, zu beenden, was Mike und ich begonnen hatten, die Rebellion nur verstärkt hätte. Wir verbrachten auf diesem Platz so gut wie jede freie Minute, die uns gegeben war, und so manch weitere, die wir uns nahmen. Viel Dampf wurde dort abgelassen, buchstäblich und im übertragenen Sinn.

* * * * *

Die Frauen kamen. Sie kamen immer, wenn sie nicht wussten, was sie sonst tun sollten. Üblicherweise gruppierten sie sich zu fünft oder zu sechst um einen gemeinsamen Zweck herum, wie Dorfmütter, die mit Wasser oder frischer Wäsche vom Fluss zurückkehren – nur, dass es keine sichtbare genetische Verbindung zwischen ihnen gab. Sie waren ein Flickenteppich menschlicher Formen und Farben. Ihre zweckmäßige Kleidung war das einzige, worin sie einander ähnelten.

Beim ersten Mal dauerte es einen Moment, bis wir sie bemerkten. Wir waren völlig versunken in unseren Wettstreit um den Korb. Sie kamen näher; sie querten das brache Feld zwischen dem Hauptpfad und unserem provisorischen Ziel auf dem erhöhten Boden, aus dem nie ein Gebäude wurde. Ich beobachtete das Spiel von der Seitenlinie aus; mag sein, dass ich sie deshalb als erster sah. Ich konnte mir nicht vorstellen, was sie bei uns wollten. Was für eine Zeit- und Energieverschwendung, ein Spiel zu spielen – und erst recht, dabei zuzusehen! – wo es doch galt, Revolutionen anzuzetteln und Faschisten umzubringen.

Und näher kamen sie. Ich konnte Sandy unter ihnen ausmachen, die Frau und große Liebe meines Bruders Tim. Und auf dem Arm trug sie die Liebe seines Herzens, ihrer beider Tochter Monyelle. Näher kamen sie und näher. Ich konnte sehen, wenn auch kaum hören, dass Monyelle untröstlich war. Die Frauen schlurften plaudernd und lamentierend in unsere Richtung.

Wenn Tim – einer der allerbesten von uns in dieser Gefahrenzone, die wir Spielfeld nannten – den Herausforderern seinen Willen aufzwang, bestand er nur aus Hüften, Knien, Unterarmen, Schultern – sowie einem gelegentlichen, zweifellos verdienten Ellbogen. Tim sah sie noch nicht, er bemerkte Monyelle noch nicht. Als er es tat – und er spürte sie, bevor er sie sah – war das Spiel vorbei. Er trat aus dem Raum, den er sich geschaffen hatte, heraus, und die übrigen Spieler stolperten in das Vakuum, das er hinterließ.

“Was ist los, Baby?” fragte er Sandy.

“Du weißt, was los ist.” sagte sie. Und so war es.

Nur der Papa. Niemand sonst. Aus zwanzig Schritten Entfernung reckte Monyelle die Arme zu ihm hoch. Ohne den festen Griff ihrer Mama wäre sie ihm mit einem Sprung entgegen gehechtet. Und wie aus demselben Impuls heraus bewegten sich Tims Hände auf angewinkelten Armen nach oben. Während er Monyelle den etwa einen Meter von Sandys Standort zu seinem eigenen nach oben hob, konnte sie ihn kaum genug festhalten. Ihre Fäuste mit den kleinen Grübchen waren voll von seinem Tank Top, und als er sie an sich zog, passten ihre gebeugten Beine sich perfekt in seinen Oberkörper ein. Als Tim sie mit einem Schwenk auf seiner linken Hüfte platzierte, blickte sie auf ihre Mama nieder und lächelte jenes alles heilende, nasse, verschwollene, rotgesichtige Lächeln, das einem erhörten Schreien folgt. Und einmal in Position, tat sie, was sie immer tat. Sie vervollständigte ihre Verankerung, indem sie den Stoff seines T-Shirts in ihre Zehen einrollte und mit einer Abwärtsbewegung ihres Fußes daran zerrte.

Klar, dass wir warten würden, so lange die zwei eben brauchten.

Sie konnte nicht genug kriegen von der Sicherheit seines harten Körpers und weichen Herzens.

Tim wusste das.

Und er kann nicht vergeben, dass er fort war, als ihr das Leben genommen wurde.

Originally posted on October 7th, 2019.

Last modified on October 14th, 2019.
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