Der schönste Sommer

by Vera Washington

[Die englische Originalversion dieses Texts finden Sie hier.] 

Ich war siebzehn Jahre alt, hatte soeben die High School abgeschlossen, lebte im Sunset District von San Francisco und war Mitglied der Baptistenkirche in der Western Addition[1], als ich den  Peoples Temple kennenlernte. Jim Jones und seine Gemeinde besuchten die Kirche in jenem Sommer, und das sollte mein ganzes Leben verändern. Ich war skeptisch und neugierig hinsichtlich all dieser Leute, die sich den Anschein gaben, Teil unserer Kirche sein zu wollen. Wir waren eine durch und durch afroamerikanische Gemeinde und fühlten uns nicht sehr wohl mit dieser rassenintegrierten Gruppe. Allmählich jedoch begriffen wir, dass ihre Freundlichkeit aufrichtig war und man ihnen trauen konnte. Jim Jones war unglaublich charmant, und ohne viel Mühe brachte er viele von uns dazu, uns auf einen Besuch in Redwood Valley[2] zu freuen. Ich mochte die Kinder und die jungen Erwachsenen wirklich gern.

Manchmal, wenn ich an diese frühen Begegnungen zurückdenke, kämpfe ich darum, zu verstehen, wie all das in einem solchen Desaster enden konnte. Es ist so schmerzhaft, an die Menschen zu denken, die wir so liebten, an denen uns so viel lag. Ich frage mich, wie sie heute wären, wenn sie dem Wahnsinn entkommen wären. Da ich die Kirche verlassen habe, bevor die Migration nach Südamerika begann, kann ich es mir nur vorstellen.

Ich erinnere mich gern an die guten Zeiten, bevor all das bizarre Verhalten anfing. Ich erinnere mich an meine kleine Nichte Ava, ihre Mutter Alice und deren beste Freundin Eileen. Ich erinnere mich an den Sommer 1970, an das Schwimmen im Cold Creek und die Ausflüge zum Bezirks-Jahrmarkt. Peoples Temple hatte immer einen Stand beim Jahrmarkt, und wir wechselten uns alle ab, um ihn zu betreuen. Es machte mir Spaß, den Schmuck und die Sandkerzen herzustellen, die wir am Jahrmarkt verkauften. Es war ein langer, fauler, herrlicher Sommer. Obwohl das dreißig Jahre her ist, erinnere ich mich immer noch an die langen Tische, voll mit allen Arten von Wackelpudding, Salaten und Kuchen, die man sich nur vorstellen kann.

Ich erinnere mich an die Stücke, die Jim Pugh schrieb und die wir dann vor einem aufmerksamen Publikum aufführten. Ich erinnere mich an die Chorproben am Samstag, mit Loretta am Klavier und Don Beck, der den Jugendchor dirigierte.

Ich vermisse die Leute des Temple. Ich weiß noch, dass ich mich um ihr Wohlergehen sorgte, nachdem wir 1973 den Temple verlassen hatten. Irgendwie hatte ich nie ein gutes Gefühl gehabt dabei, wie die Gruppe sich langfristig entwickeln würde. Ich war in der früheren Phase Mitglied des Planungskomitees gewesen und verließ die Treffen oft mit einem unguten Gefühl. Das Schlimmste daran war, dass es niemanden gab, mit dem man solche Gefühle vertrauensvoll besprechen konnte. Wehe, du erwähntest sie jemandem gegenüber, der sich mit deinem Vertrauen ein paar Pluspunkte für “Engagement” erkaufen wollte.

Ich erinnere mich an die tiefe Traurigkeit, die mich befiel, als ich vom Tod Bob Houstons hörte. Besonders traurig war, zu hören, auf welche Weise er starb, erdrückt zwischen Eisenbahnwaggons auf einem Rangierbahnhof. Ich erinnere mich, wie er in der Band spielte, und wie er und Phyllis ihre kleinen Töchter großzogen. Die gleiche Traurigkeit überfiel mich, als ich vom Tod Curtis Buckleys hörte. Ich weiß noch gut, wieviel Zeit Dave und Janet mit ihm verbrachten, und wie sie diesem Kind, das so viel Liebe und Bestätigung brauchte, ihre Herzen und ihr Heim öffneten.

Ich verließ den Peoples Temple einige Jahre, bevor die große Migration nach Südamerika begann. Ich verließ ihn außerdem ohne Vorstellung von einer Zukunft. Irgendwo zwischen kommunalem Leben und der Arbeit für „Utopia“ kam mir die Fähigkeit zu träumen abhanden. Es war mir klar, dass ich die Situation, in der ich war, nicht wollte, aber ich konnte mir mich selbst nirgendwo anders vorstellen.

Ich kam als Teenager zum Temple, bevor ich wirklich wusste, was ich mit meinem Leben anfangen wollte. Ich hatte das Glück, eine biologische Familie zu haben, die bereit war, mir all die kalten Worte zu verzeihen, mit denen ich sie in meinen Jahren als PT-Mitglied bedacht hatte. Nach meinem Abgang aus dem Temple versteckte ich mich einige Monate lang, bevor ich in die  Bay Area zurückkehrte. Ich war ausgelaugt von all den Schuldgefühlen und anderen Belastungen, die ich nicht benennen kann. Anfangs war ich unsicher, wenn ich ausging und unter Leuten war. Ich hatte das Gefühl, sie wüssten irgendwie, dass ich im Grunde genommen etliche Jahre in sozialer Isolation gelebt hatte.

Ich habe den PT – mit Ausnahme enger Familienmitglieder – nie irgendjemandem gegenüber erwähnt. Andere Mitglieder kennen das genauso: Ich habe mich nicht geschämt für die Kirche, aber ich wollte nicht, dass die Leute wussten, dass ich dazugehörte. Ich wollte keine Kritik hören an meiner Entscheidung, dem Peoples Temple beizutreten und anzugehören. Ich hatte immer noch das Gefühl, die Kirche gegen Leute von „Draußen“ verteidigen zu müssen, obwohl ich gar kein Mitglied mehr war.

Meine Familie gab mir einen Zufluchtsort, um zur Ruhe zu kommen und zu versuchen, wieder ein Gefühl von Richtung in mein Leben zu bekommen. Es war ein Segen für mich, dass ich sie hatte. Aber ich halte es dem PT zugute, dass er mir beibrachte, tiefer für andere zu empfinden als ich das tat, bevor ich Mitglied wurde. Es ist fast dreißig Jahre her, aber als ich am Ende von Leighs Lesung ihres Stücks[3] Melvin Johnsons Lied “Walk A Mile In My Shoes” hörte, stiegen brennend heiße Tränen aus meinem Herzen auf. Ich stellte auch fest, dass einige der Dinge, die ich im Peoples Temple gelernt hatte, mich befähigten, mit der “Außenwelt” fertig zu werden.

Ich kehrte zu der traditionellen Religion zurück, in der ich vor meiner Begegnung mit  Jim Jones gewesen war, aber ich schätzte auch den Wert einiger Lehren, die ich aus meiner Zeit im Temple  mitgenommen hatte.

Ich schaffte es, meine Ausbildung abzuschließen und eine erfolgreiche berufliche Laufbahn einzuschlagen. Mein Mann und ich haben unsere drei wundervollen Kinder in der Bay Area in San Francisco großgezogen.

[1] Jener Stadtteil von San Francisco, in dem sich später auch die Peoples Temple Zentrale befinden sollte.

[2] Der Sitz des Temple befand sich zu jener Zeit noch in Redwood Valley, wohin Jones die Mitglieder der Baptistenkirche eingeladen hatte.

[3] Leigh Fondakowski, “Stories from Jonestown”.

Originally posted on October 7th, 2019.

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